Studieren in Russland


Ein Studium an einer russischen Elite-Universität bedeutet harte Arbeit vom ersten Semester an. Wer sich den Einstieg in den Uni-Alltag dagegen leicht machen will oder den Aufnahmetest nicht bestanden hat, der erkauft sich die Aufnahme.

Historisches Museum am Roten Platz Der Bologna-Prozess ist in Russland schon fortgeschritten Foto: © Irina Fischer - Fotolia.com

Der große graue Klotz war immer schon da - so lange wie Maria Samochina denken kann. Wenn sie als Kind aus dem Küchenfenster im 15. Stock des Plattenbaus schaute, fiel ihr Blick stets auf ein gewaltiges verschachteltes Gebäude. Sie hielt es für ein Ufo, das irgendwann im Moskauer Südwesten auf der grünen Wiese gelandet war. "Das ist die Uni, an der du eines Tages studieren wirst", sagte Marias Mutter, die selbst das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) absolviert hatte. Sie sollte Recht behalten.

Es ist sieben Uhr morgens. Die Uni beginnt erst um neun, doch für Maria Samochina laufen bereits die Vorbereitungen. Die 22-Jährige studiert im zweiten und letzten Jahr des Masterprogramms International Business - zusammen mit durchgestylten Töchtern reicher Russen und zentralasiatischen Gasprinzessinnen, die mit Louis-Vuitton-Taschen am Arm durch die endlosen Flure stolzieren und die Absätze ihrer Designer-Schuhe auf den Betondielen klacken lassen.

"Wir müssen jeden Tag top aussehen", sagt Maria wie selbstverständlich, "deswegen verbringen wir Russinnen jeden Morgen mindestens eine Stunde im Bad."

Maria Samochina spricht mit Stolz, wenn sie über die MGIMO erzählt. "Unsere Dozenten sind die härtesten und strengsten in ganz Russland", sagt sie, "aber ohne Zweifel auch die besten." Auch Russlands aktueller Außenminister Sergej Lawrow hat hier studiert - und die Uni-eigene Hymne komponiert. Die Universität ist über die russischen Grenzen hinaus als Kaderschmiede für Politik und Wirtschaft bekannt, in den vergangenen Jahren wurden Doppeldiplome mit der Freien Universität Berlin und Sciences Po in Paris eingerichtet.

Wer den Aufnahmetest nicht schafft, erkauft sich seine Zulassung

Der Aufnahmetest, den sie vor gut vier Jahren im ersten Anlauf schaffte, würde an staatlichen Provinz-Unis als Examensprüfung durchgehen. Dank ihres Fünfer-Abschlusses, der auf der deutschen Notenskala der Eins entspricht, ergatterte Maria einen der begehrten Budgetplätze: Der russische Staat zahlte ihr den Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft.

Für den zweijährigen Master in International Business, den ihr nach einem viermonatigen Auslandssemester in Nancy auch der französische Staat verleiht, müssen ihre Eltern allerdings Studiengebühren in Höhe von 7000 Euro zahlen.

Das Ticket zur Elite-Uni kann man in Russland auch kaufen. Wer Eltern hat, die Studiengebühren von mehr als 10000 Euro im Jahr bereitwillig zahlen, wird selbst an der hochangesehenen MGIMO mit einem Augenzwinkern durch die Einstiegstests gewunken. Jemand wie Maria Samochina, deren Eltern ein Reisebüro in Moskau betreiben, muss dagegen arbeiten bis zum Umfallen. Das Studium sei hart, im Bachelor-Programm seien drei Viertel ihrer Kommilitonen wegen nicht bestandener Prüfungen von der Uni geflogen. Sie hat es geschafft.

Es ist neun Uhr. Auf dem Parkplatz der MGIMO fahren Mercedes-Limousinen vor, aus dem Fond steigen aufgetakelte Studentinnen und Studenten mit Schlips und Kragen. Maria ist wie immer zu Fuß zur Uni gekommen, eine Viertelstunde braucht sie, um von zu Hause quer durch den Schneematsch, der im Winter auf den Trottoirs zwischen den Plattenbauten aus der Stalin-Zeit klebt, zu laufen.

Vor dem fünfstöckigen Langbau der MGIMO wehen neben der russischen Fahne die von Nato und EU. Heute steht als Erstes eine Vorlesung über internationales Rechnungswesen auf dem Curriculum.

Das Bildungssystem ist in den letzten Jahren internationaler geworden. Ganz deutlich wird das in den Fluren der Uni, die "Avenue des Champs-Élysées", "Via Niccolò Machiavelli" oder "Unter den Linden" heißen. An der sowjetischen Kaderschmiede für Diplomaten wird neben internationalen Beziehungen auch Europa- und Völkerrecht gelehrt. Die besten Sprachlehrer Russlands unterrichten in 53 Sprachen, darunter viele exotische Fächer wie Amharisch oder Vietnamesisch.

Die Absolventen kommen heute vorwiegend bei in- und ausländischen Unternehmen in Russland unter, die Europäisierung ist weit fortgeschritten: Im Bologna-Prozess ist Russland sehr viel weiter als zum Beispiel Deutschland. Im Studienalltag ist dagegen alles beim Alten geblieben - beim Frontalunterricht. "In Vorlesungen diskutieren wir nicht, sondern hören vor allem zu", sagt Maria Samochina. Darüber beschwert sie sich nicht, denn seit Schulzeiten ist sie nichts anderes gewohnt.

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