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Studieren in Brasilien
Wer in Brasilien an der staatlichen Uni studieren darf, hat viel gewonnen. Im Vergleich zu den Privat-Unis gelten sie als die besseren Ausbildungsstätten. Doch auch dort müssen Studenten mit zahlreichen Widrigkeiten kämpfen.
Die bestandene Aufnahmeprüfung war für sie wie ein Sechser im Lotto. Zwar war Lívia Carla Lopez Trindade entspannt, als sie vor sechs Jahren die Zulassungsprüfung für Pädagogik an der bundesstaatlichen Universität Uneb in Bahia machte - die damals 17-Jährige hatte bereits mit dem Studium an einer privaten Universität begonnen. Doch ein Platz an der öffentlichen Universität reizte die zierliche Afro-Brasilianerin mit den farbig eingeflochtenen Zöpfchen. Nicht weil das Studium dort nichts kostet. "Es ging mir um die Ehre", sagt die 24-Jährige.
Die öffentlichen Universitäten gelten als die besseren Ausbildungsstätten: Privat-Unis haben - bis auf wenige Ausnahmen - den Ruf, Geldmaschinen zu sein, an denen Studenten teuer ihre Diplome ersitzen. "Absolventen von Staats-Unis haben bessere Chancen bei den Unternehmen", erklärt Lívia. Und im Juli sollte ihr Studium in Salvador, der drei Millionen Einwohner großen Metropole im Nordosten Brasiliens, beginnen.
Unbequeme Bedingungen an der Uni
Doch dann erlebte sie eine Enttäuschung nach der anderen: Erst streikten die Lehrer ein halbes Jahr lang. Der Beginn der Vorlesungen verzögerte sich bis zum Januar, dem brasilianischen Hochsommer. Immer wieder, oft über Monate, wurde der Lehrbetrieb unterbrochen. Danach fühlte sie sich eher unterfordert. "Nur wenige Lehrer waren motiviert und forderten etwas von uns", schimpft sie. Die Lehrpläne änderten sich, ohne dass die 40 Studenten in ihrem Kurs informiert wurden. Der Campus war auch nicht gerade einladend. Die Betongebäude sind zwar erst 25 Jahre alt, doch die feuchte Tropenluft lässt die Bauten alt aussehen. Klapprige Klimaanlagen kühlen die tropische Hitze auf Kühlschrankniveau herunter. In den hinteren Reihen lässt sich wegen des Gedröhns der Anlagen kaum ein Wort verstehen. Drei von vier Toiletten sind permanent verstopft. Nachts ist der Campus schlecht beleuchtet und nicht sicher. Nur in Gruppen gehen die Studentinnen nach den Vorlesungen abends zur Bushaltestelle.
Zwar ist die Uneb mit Bussen von allen Vierteln der Stadt gut zu erreichen. Doch das Uni-Gelände mit den riesigen, Schatten spendenden Gummibäumen liegt inmitten eines dicht besiedelten Stadtteils. Auf den schmalen Zubringerstraßen kommen die Busse kaum vorwärts. Deswegen verlassen die meisten Studenten die letzte Vorlesung bereits am Vormittag statt um die Mittagszeit um 12.40 Uhr . Um schnell etwas zu essen und es noch zu ihren Jobs oder Praktika zu schaffen, wo sie die Lochkarte um 13 Uhr in die Stechuhr schieben müssen.
Lívia arbeitet wie fast alle Studienkollegen schon seit dem zweiten Semester. Zu Beginn jobbte sie in einem Weiterbildungsinstitut für Lehrer, das eine Freundin ihrer Mutter betreibt. Schon dort lernte sie in der Praxis mehr als beim Studium. Die Chefin, eine engagierte Pädagogin, lieh ihr Bücher, verwies auf neue Veröffentlichungen und erklärte ihr immer, warum sie was machte.
Schuften für die Schulgebühren
Lívias akademische Karriere hat eine wichtige Vorgeschichte: Die Mutter Georgete da Silva Lopez, heute 54 Jahre alt, zog ihre drei Töchter alleine auf. Der Mann trennte sich kurz nach der Geburt Lívias von ihr. Die Krankenschwester arbeitete in zwei Jobs, regelmäßig in 24-Stunden-Schichten, um ihre Töchter auf eine gute Privatschule schicken zu können. 480 Euro im Monat bezahlte die Mutter für ihre zwei älteren Töchter monatlich an der Schule, obwohl sie selbst nur rund 800 Euro verdiente. "Am Ende des Jahres musste sie die säumigen Schulgebühren verhandeln - damit wir eingeschrieben bleiben konnten", erzählt Lívia. Doch der Mutter war es wichtig, dass ihre Töchter auf eine der besten Schulen der Stadt gehen. Dort, wo sonst größtenteils die Kinder ab der hellhäutigen Mittelschicht aufwärts verkehren.
Georgete weiß, dass die Weichen für die Karriere oder den sozialen Aufstieg in der Schule gestellt werden. Das Bildungssystem Brasiliens ist zutiefst ungerecht: Nur wer in Brasilien eine private - teure - Schule besucht, hat eine Chance, später auf einer der kostenlosen, guten Universitäten zu studieren. Lívia ist klar, dass sie privilegiert ist. Nach den ersten vier Semestern an der Uni wechselte sie für ein Praktikum zum Senai, dem Ausbildungsinstitut der Industrie, die größte technische Bildungsinstitution Lateinamerikas. Es ist ihre Trumpfkarte. Zwei Millionen Arbeiter und Studenten bildet das Institut im Jahr technisch weiter. Es ist das Rückgrat der Industrie Brasiliens - einem Land, in dem es kein Problem ist, einen guten Manager oder Ingenieur einzustellen, aber kompliziert, einen ausgebildeten Schweißer oder Schlosser zu finden.
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