Forschung

Selbstkontrolle im Job

Beverly A. Caley
Wie gut können Sie Ihre Impulse kontrollieren? Diese Frage stellten sich drei Forscher. Ihre Ergebnisse lassen unter anderem Rückschlüsse auf die Finanzkrise zu. Lesen Sie hier, wie die Selbstkontrolle durch die Vermeidung von Versuchungen bewahrt werden kann.
Prozent der Probanden in Studie 3, die der Versuchung zu rauchen erliegenFoto: © Kellogg School of Management
Homer schrieb über Odysseus, dass er die Verführungskraft des Gesangs der Sirenen so sehr fürchtete, dass er die Ohren seiner Reisegefährten mit Wachs verschloss und sich selbst an den Mast des Schiffes binden ließ. Anders als unser mythologischer Held überschätzen laut Loran Nordgren (Assistant Professor für Management und Organisationen an der Kellogg School of Management) die meisten Leute jedoch ihre Fähigkeit, ihre Impulse unter Kontrolle zu halten. Darüber hinaus können derartige Fehleinschätzungen zu maladaptiven Strategien der Selbstkontrolle führen.
Wenn man die Widerstandsfähigkeit von Testpersonen gegenüber Verhalten, das ihnen zwar Vorteile bringt, aber in schlampiger Arbeit resultiert oder unethisch ist, einmal auf die Probe stellt, „sind sie sehr überrascht, wie stark eine derartige Versuchung sein kann", so Nordgren.In Zusammenarbeit mit Joop van der Pligt (Leiter des psychologischen Forschungsinstituts der Universität Amsterdam) und Frenk van Harreveld (Koordinator des Unterrichtsprogramms der Abteilung für Sozialpsychologie der Universität Amsterdam) untersuchte Nordgren, wie das Vertrauen in die eigene Impulskontrolle – der Glaube, in der Lage zu sein, Impulse wie Hunger, Drogensucht und sexuelle Erregung zu kontrollieren – den Selbstkontrollprozess beeinflusst. Die Forscher untersuchten, ob die Probanden impulsive Zustände als leicht oder schwer zu überwinden einschätzten, und wie sich diese Einschätzung auf den Selbstkontrollprozess der einzelnen Probanden auswirkte.Sie stellten fest, dass Menschen im Allgemeinen dazu tendieren, ihre eigene Fähigkeit zur Impulskontrolle zu überschätzen. Dieses verzerrte Selbstbild führt dazu, dass sie glauben, auch stärkeren Versuchungen widerstehen zu können, und dies wiederum führt dazu, dass sie einer Versuchung zu impulsiven oder Suchtverhalten mit größerer Wahrscheinlichkeit erliegen.Impulsive Zustände und der „Empathy Gap"Frühere Studien haben gezeigt, dass Menschen oft Schwierigkeiten haben, die Stärke der Auswirkung eines impulsiven Zustands auf ihr Verhalten einzuschätzen. Wenn sich Menschen in einem „kalten Zustand" (cold state) befinden, in dem bestimmte verhaltensauslösende Zustände wie Hunger, Wut, sexuelle Erregung usw. nicht vorherrschen, tendieren sie dazu, die Stärke der Auswirkungen eines „heißen Zustands" (hot state) auf ihr Verhalten zu unterschätzen.Diese Diskrepanz wird als „Empathy Gap" bezeichnet. Nordgren und seine Kollegen erweiterten die Forschung des „Empathy Gap" auf mehrere Hypothesen: Menschen in einem kalten, nicht-impulsiven Zustand überschätzen ihre Fähigkeit zur Impulskontrolle; Menschen in einem heißen, impulsiven Zustand haben eine realistischere Vorstellung ihrer Fähigkeit zur Impulskontrolle; Menschen, die der Meinung sind, eine hohe Fähigkeit zur Impulskontrolle zu haben, setzen sich größeren Versuchungen aus und legen letztendlich ein impulsiveres Verhalten an den Tag.Ermüdung
Die Forscher führten vier Experimente durch. Im ersten untersuchten sie das Verhältnis zwischen der Einschätzung der Studenten ihrer geistigen Ermüdung zu ihren für das kommende Semester geplanten Lernzeiten. Der nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Hälfte der 72 Studenten wurde die Aufgabe erteilt, sich etwa 20 Minuten lang Zahlenreihen zügig einzuprägen. Diese Aufgabe führt, wie frühere Studien gezeigt haben, zur geistigen Ermüdung.
Nach Abschluss der Gedächtnisaufgabe wurden diese Studenten gebeten, den Grad ihrer gegenwärtigen geistigen Ermüdung zu bewerten, einzuschätzen, wie viel Selbstkontrolle sie über die geistige Ermüdung hätten, und anzugeben, wie sie ihr Arbeitspensum während des bevorstehenden Semesters verteilen wollten. Studenten, denen eine nicht ermüdende Gedächtnisaufgabe gestellt worden war, wurden dieselben Fragen gestellt.Im Vergleich mit den nicht ermüdeten Studenten schätzten die ermüdeten Studenten, dass sie erheblich weniger Kontrolle über geistige Ermüdung hätten, und sie planten deshalb, wesentlich weniger ihrer Lernzeit auf die letzte Semesterwoche vor den Prüfungen aufzuschieben. Nordgren und seine Kollegen stellten fest, dass allein die unterschiedliche Einschätzung der Impulskontrolle für die Beziehung zwischen Ermüdung und der Absicht, das Lernen für die Prüfungen nicht bis zuletzt aufzuschieben, verantwortlich war.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2009

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