Universität

Im Osten viel Neues

Max Haerder
Arm, trostlos? Mit viel Geld wollen die Ost-Unis Vorurteile beseitigen und Studenten aus dem Westen anlocken. Ganz nach dem Motto: Im Osten viel Neues. Doch kann die Kampagne wirklich überzeugen? Wir waren bei einem Besuch in Leipzig mit dabei.
Julia Schwenkenbecher und Nicolas Weisensel über den Dächern LeipzigsFoto: © Christoph Busse
Das alles hatte sich Julia Schwenkenbecher irgendwie anders vorgestellt. Grauer, das auf jeden Fall, maroder auch. Jedenfalls nicht so, wie hier oben auf dem Dach des City-Hochhauses, wohin die Uni Leipzig sie zusammen mit den anderen angehenden Studenten geführt hat. Mit einem Sekt in der Hand und Wind in den Haaren stellt sich die blonde Bremerin zum ersten Mal ernsthaft die Frage: Rüber zum Studieren, weg aus ihrer backstein-beschaulichen Heimat? Warum eigentlich nicht?
Von hier oben, im Licht des Sommers, sieht der Osten nämlich prächtig aus: Gründerzeitdächer, Wälder, in der Ferne das Völkerschlachtdenkmal, unter ihr Europas größter Kopfbahnhof. Der überwältigende Blick ist nichts als Strategie des Gastgebers.100000 Euro hat die Uni Leipzig in diesem und im kommenden Jahr zur Verfügung, um bevorzugt westdeutsche Abiturienten in die sächsische Großstadt zu locken. Für ihr Konzept "Abenteuer FernOst", gewann die Uni den ersten Platz beim Wettbewerb der Hochschulinitiative Neue Länder. Im Rahmen der Dachkampagne "Studieren in Fernost" verteilen Bund und ostdeutsche Länder insgesamt zehn Millionen Euro, um Werbung für den akademischen Osten zu machen. Da darf es auch mal Sekt sein.Zweimal drei Tage lang bietet die Universität Leipzig ihr Abenteuer an: zwei Nächte im Hostel, Essen, Getränke, eine Stadtrundfahrt, Kneipentouren, jede Menge Information - für schlappe 99 Euro. So viel Aufmerksamkeit und Betreuung sind deutsche Uni-Bewerber nicht gewohnt. Aber wenn sich Julia Schwenkenbecher am Ende der drei Tage in Leipzig einschreibt, hätte sich der Aufwand gelohnt.Denn die ostdeutschen Unis haben Nachwuchssorgen: Die Demografie arbeitet gegen sie, die heimischen Abiturienten werden weniger. Weil aber viele westdeutsche Länder in den kommenden Jahren auf die 12-jährige Schulzeit umstellen, drängen dort besonders zwischen 2011 und 2013 doppelte Abi-Jahrgänge an die Unis. Um dieser Flut Herr zu werden, haben Bund und Länder den Hochschulpakt beschlossen: Zehntausende neue Studienplätze werden mit etwa einer Milliarde Euro aufgebaut.Kampagne gegen leere HörsäaleDie Leipziger Kampagne ist der Versuch, diesen West-Überfluss in die leerstehenden Kapazitäten des Ostens zu leiten. Eine aufwendig produzierte Webseite mit schrillen Videos versucht, das neue Bild des Ostens zu transportieren. Es ist ein Manöver mit ungewissem Ausgang: Wenn keiner kommt, versiegen die Millionen aus den Fördertöpfen. So will es der Pakt. Dann bliebe irgendwann doch nur noch der Rückbau Ost.So weit soll es nie kommen. Die Tour, die aus ostdeutschem Hinterland akademisches Morgenland machen soll, beginnt an einem sonnigen Mittwoch im August. 86 Abenteuersuchende haben sich auf dem Innenhof des Campus Augustusplatz eingefunden.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.10.2009

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