Die Harvard Business School gilt als edelste Managerschmiede der Welt. Umso größer war die Kritik in der Krise. Besonders die Fallstudien, das Herzstück der Lehre an der HBS, wurden mehr und mehr in Frage gestellt. Wie sieht es im Jahr eins nach der Krise aus?
Das hier ist kein Raum, in dem man sich verstecken kann. Und genau so soll er sein. Fünf Sitzreihen, 100 Plätze. Jeder mit einem großen Namensschild versehen. Wer hier diskutiert, tut es mit offenem Visier. Der Professor betritt diese Arena mit einer schneidigen Begrüßung. Mit wenigen Sätzen skizziert er für die Studenten den heutigen Fall. Dann stellt er die Eröffnungsfrage, aber nicht an die gesamte Runde, sondern gezielt an einen einzigen Teilnehmer - der gefürchtete "cold call" an der Harvard Business School.Mittlerweile hat sich Johannes Francke aus Hamburg an die langen Class Days gewöhnt. Der Deutsche hat an diesem Morgen vor dem Unterricht in der Aldrich Hall bereits über eine Stunde mit seiner Lerngruppe zusammengesessen und diskutiert, Geschäftszahlen verglichen und Strategien durchdacht, um sich auf die bohrenden Fragen des Professors vorzubereiten.Unternehmerische Probleme zum AnfassenDas ist das Herzstück der Harvard Business School, kurz HBS: die Fallstudie. 15 bis 20 Seiten Daten, Zahlen, Fakten schildern ein unternehmerisches Problem. Die Erfindung der Schule. Ihr ganzer Stolz. Der 28-jährige Francke ist erst seit wenigen Wochen hier, aber er hat schon einige Studien kennengelernt. Die Diskussion mit dem Professor ist der Abschluss jedes Fallbeispiels.Als Johannes Francke im Frühjahr 2008 mit seiner Bewerbung für Harvard beginnt, gibt es noch eine Bank namens Lehman Brothers und keinen Unterschied zwischen Bankern und Bankiers. Dann wütet die Wirtschaftskrise und es werden Schuldige gesucht. Die MBA-geschmückten Manager müssen einstecken. Die Business Schools, die diese Titel vergaben, müssen einstecken. Zu gewinnfixiert, zu elitär, zu wenig Ethik lauten die Vorwürfe. Die HBS, als älteste und renommierteste der Schulen, steht im Zentrum dieser Debatte. Ihren Studenten hätten sie mit isolierten Fallstudien kein Gespür für die großen Fragen des Wirtschaftens vermittelt, für gesellschaftliche Ziele, für soziale Folgen.Die Krise als DauerthemaJohannes Francke kann die harsche Kritik am Modell Harvard nicht nachvollziehen: "Wir lernen hier doch vor allem Grundlagen. Wie etwa der Markt bei Soft Drinks funktioniert ist doch erst einmal sehr weit weg von der Frage nach der Verantwortung der Manager." Natürlich sei er hier, weil er glaube, dass die Ausbildung Sinn habe. Die Krise sei andauernd Thema auf dem Campus. Aber interne Rechtfertigung, das ist sein Eindruck nach den ersten Wochen, gibt es kaum. Und die Fallstudien? "Ich habe", sagt Francke , "die Kritik daran nicht verstanden. Die Komplexität der Wirtschaft, die Graustufen, vieles davon findet sich in ihnen wieder."Seine Erfahrung in und mit Harvard ist differenziert. Vieles sei wie erwartet: Das gediegene Neuengland-Flair, der rotgoldenrauschende Herbst auf dem Campus. Der Unterricht allein aber führe nicht zu der unterstellten Selbstgewissheit der berüchtigten "Masters of the Universe". Er jedenfalls erlebe etwas anderes. Eher Zweifel und Erschütterung vermeintlicher Gewissheit: "Du liest die Fallstudie und denkst, du kennst die Lösung. Am nächsten Morgen stellst du aber in deiner Lerngruppe fest, dass es noch fünf andere Ansichten gibt. Im Kurs hörst du dann noch von zehn weiteren. Der Unterricht nimmt dir erst mal das Selbstbewusstsein, genau zu wissen, wie alles läuft."
Deutschland ade: Unternehmen verlagern Produktion, Verwaltung und Forschung in alle Welt – weil Schwellenländer wettbewerbsfähiger werden und Manager durch Herkunft und Werdegang so weltoffene wie nüchterne Kalkulierer sind wie keine Generation vor ihnen.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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