Interview mit Stephan Jansen

"Der Markt ruft nach Charakteren"

Alexander Runte
Universität mit aussergewöhnlichem BildungsprofilFoto: © Heinz Heiss
Was müsste man aus Ihrer Sicht also ändern, um das Studium zu verbessern?
An der Zeppelin University wenden wir drei Strategien an: als Erstes konsequente Individualisierung. Wir sind es in Deutschland einfach nicht gewohnt, mit Heterogenität umzugehen. Wir haben aber etwa die Herausforderungen der Migrationshintergründe, der verschiedenen Bildungshintergründe für die Masterstudiengänge. Wir müssen die Betreuungsintensität deutlich erhöhen: von 60 Studierenden pro Professor auf Mann- beziehungsweise Fraudeckung.
Eine so individuelle Betreuung scheint aber wenig realistisch.
Wenn die Universität klein genug ist, geht das. Nicht Personalentwicklung, sondern Persönlichkeitsentwicklung muss im Studium im Vordergrund stehen. Wichtig ist zweitens die Interdisziplinarität. Man bewegt sich ständig an der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen und kommt als Studierender sehr schnell in eine Forscherrolle. Die dritte Strategie ist Internationalität, bei uns gibt es ein dreikontinentales Studium.
Aber können die Studierenden das unter dem Druck des Arbeitsmarktes überhaupt ausleben? Kreativität muss ja auch scheitern dürfen.
Laut Shell-Studie haben wir es mit einer überangepassten Generation zu tun. Auf der linken Schulter hat jeder einen Personalchef sitzen, wozu auch die Berichterstattung von unglaublichen Karrieren beiträgt. Ich halte das für einen Fehler. Der Arbeitsmarkt ruft nach Charakteren, die eigenwillig sind, die mutig sind und Entscheidungen treffen können. Die auch mal auf die Schnauze fliegen, weil sie sich raustrauen.
Aber entscheidet sich der Personalchef im Zweifel nicht doch für den Erfolgreichen ohne Makel im Lebenslauf?
Da frage ich, warum wird eigentlich immer über erfolgreiche Karrieren geredet? Das sind Sonderfälle, die auch noch medial inszeniert werden. Ich zum Beispiel habe zwei Firmen versemmelt, was mich schweineviel Geld gekostet hat und sehr viel Arbeit. Das steht in kaum einem Lebenslauf über mich drin, obwohl es das ist, was einen ausmacht. Ungefähr 90 Prozent aller Markteinführungen funktionieren nicht. Also muss man das mal ausprobieren im Studium.
Wie sollten denn dann die Professoren das Wissen vermitteln?
Zuerst einmal muss man die Verantwortung des Erlernens, des Erlesens, auf den Studierenden verlagern. Dafür braucht man Diskussionskultur, um Wissen zu misstrauen und Kausalitäten und Autoritäten zu hinterfragen. Das führt zu dem, was ich Humboldt 2.0 nenne, der Einheit von Forschung, Lehre und Beratung. Da binden wir etwa für bestimmte Bereiche Praktiker ein, die ungelöste Realprojekte mitbringen, so dass die Studenten bereits erlernte Theorien in der Praxis überprüfen können.
Wie kann man das konkret umsetzen?
Das funktioniert nur, wenn man Vorlesungen durch das Vorherlesen ersetzt hat. So kann man Studenten selber in die Verantwortung nehmen und mit ihnen gemeinsam das Wissen durch Fragen erarbeiten. Dieses Verhältnis zu Studenten als Lernpartner ist für die meisten Professoren am Anfang sehr schwierig, da sie durch die Studenten auf ihr eigenes Nichtwissen ausgeleuchtet werden.
Verständlich, oder?
Naja, tatsächlich ist es aber sehr produktiv, da es so häufig zu Missverständnissen kommt, diese aber auch zum Erleben von Kontingenz dazugehören. Und Kontingenz bedingt Kreativität. Denn es kann ja alles auch immer ganz anders sein. Das, was da entsteht, das ist für mich dann Universität.
Noch mal zurück zur Anfangsaufgabe: Was wären Maßnahmen zur Kreativitätssteigerung?
Die erste Botschaft lautet Verkleinern. Für das gemeinsame Lernen mit Kommilitonen, denn das geht nur in kleinen Umfeldern. Personell müsste man dann gleichzeitig aufstocken. Interdisziplinarität ist wichtig. Die Wissenschaft sollte die Freiheit haben, auch mal losgelöst von gesellschaftlichen Ansprüchen für die Gesellschaft zu arbeiten. Außerdem sollte man es Studierenden ermöglichen, sich stärker den eigenen Interessen und Fragen zu widmen, und zwar nicht nur in Form von Wahlpflichtmodulen, sondern durch kreative Seminarerfindungen.
Über Finanzen haben wir bis jetzt gar nicht geredet, aber: das wird teuer.
Da sollten wir ehrgeiziger sein: Schulen und Kindergärten stärker staatlich fördern und mehr privates Geld in die Universitäten investieren. An der Zeppelin University tragen die Studenten ein Drittel der Studienkosten, und 60 Prozent finanzieren ihr Studium über eine zinsgesponserte Vorfinanzierung durch die Sparkasse Bodensee.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.01.2008

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