Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn der Frust zu groß wird und Professoren, Freunde und Studienberater nicht mehr helfen können, lohnt sich der Besuch bei einem Profi. Drei Beispiele, die Mut machen.
Es begann mit einer Trägheit. Einem Gefühl, als würde er in Honig waten, und alles, was Micha Lübbert tat oder unternahm: Der Honig ging nicht fort. Dabei kam er mit seinem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Wedel eigentlich zügig voran und stand bereits kurz vor seiner Diplomarbeit. Seine Freunde freuten sich darauf, bald in tollen Unternehmen zu arbeiten und viel Geld zu verdienen "Ich aber stand daneben und fühlte mich fehl am Platz. Mir bedeutete das alles irgendwie nichts", sagt der 26-Jährige. Was ihm stattdessen wichtig war, konnte Lübbert auch nicht mehr sagen.Das Studium kurz vor Schluss hinschmeißen und noch einmal etwas ganz Neues anfangen? Abwarten, bis sich dieses Gefühl von alleine wieder legt? Als monatelanges Grübeln ihn nicht weiterbrachte, beschloss Lübbert, sich Hilfe von außen zu holen. Im Internet fand er die Webseite der Hamburger Karriereberaterin Svenja Hofert. "Viele Studierende merken erst, wenn der Abschluss naht, dass ein Studium kein Beruf ist", sagt die 42-Jährige, die seit zehn Jahren als Karriereberaterin tätig ist. Vor fünf Jahren noch machten die Studenten etwa fünf Prozent ihrer Klienten aus. Inzwischen sind es 20 Prozent. Studiengebühren, die einen Fachwechsel sehr teuer machen und die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master, die eine Vielzahl neuer Möglichkeiten hervorgebracht haben, lassen den Bedarf für professionelle Beratung steigen.Vier Sitzungen haben gereichtZwischen 80 und 160 Euro pro Stunde kostet ein Coach, und für eine ausführliche Karriereberatung sollte man zwischen zwei und zehn Stunden einplanen. Micha Lübbert hatte insgesamt vier Sitzungen bei Svenja Hofert. "Ich glaube, ich habe ziemliches Glück gehabt", sagt er heute zu seiner Entscheidung, professionelle Hilfe eingeholt zu haben. "Frau Hofert hat ziemlich schnell gesehen, dass meine Zweifel nichts mit dem Studienfach zu tun hatten. Ich hatte einfach meine Ideale links liegengelassen."In die Entwicklungshilfe gehen, etwas Sinnvolles für andere leisten, davon hatte Lübbert geträumt, als er sich vor vier Jahren für Wirtschaftsingenieurwesen einschrieb. Aus Angst, nach dem Studium keinen Job zu finden, hatte er seinen eigentlichen Antrieb schlicht vergessen. Svenja Hofert versuchte, nach und nach herauszufinden, was Lübbert bisher gebremst hat. Sie legte Micha verschiedene Stellenanzeigen vor. Was simpel klingt, öffnete ihm die Augen. Angebote, die ausschließlich auf einen steilen Aufstieg und spätere Führungsverantwortung hin formuliert waren, interessierten ihn nicht. Bei einer Ausschreibung, in der ein Entwickler für Solaranlagen gesucht wurde, machte es bei Lübbert Klick. Das war etwas, mit dem er sich identifizieren konnte und seinen Werten entsprach.Auch Martin Maibücher aus Düsseldorf befand sich in einem Orientierungsvakuum. Nicht wie Micha kurz vor Ende eines Studiums, sondern nach dem Abi. Damals konnte er sich sein Studienfach aussuchen; sein Abitur hatte er mit der Note 1,3 gemacht. Aber genau das war sein Problem: "Ich hatte tausend Möglichkeiten im Kopf, aber gleichzeitig an jeder Option etwas auszusetzen." An einer privaten Hochschule hätte er nach bestandenem Assessment-Center anfangen können, doch die Atmosphäre gefiel ihm nicht. Psychologie hätte er gerne studiert, hatte aber Angst vor dem Fach Statistik. Er quälte sich, bis ihm Freunde die Telefonnummer von Christiane Schuchardt-Hain gaben.Die diplomierte Sozialwissenschaftlerin und systemische Familientherapeutin hat sich auf Fälle wie Martin Maibücher spezialisiert. Mehr als 300 Schüler hat sie in den letzten fünf Jahren in Einzel- und Gruppensitzungen beraten. "Oft kommt die Idee, zum Coaching zu gehen, auch von den verzweifelten Eltern", berichtet Schuchardt-Hain, "zu Beginn jedes Coachings mache ich den jungen Leuten deshalb immer deutlich, dass sie selbst mitarbeiten müssen." Auch Svenja Hofert warnt vor übertriebenen Hoffnungen. Sie sagt: "Coaches sind keine Wunderheiler. Sie können keine Patentlösungen aus dem Ärmel schütteln."Bis zu 15 Stunden Eigeninitiative seien zwischen den vier Sitzungsmodulen nötig, sagt Schuchardt-Hain. Die Schüler sollen mitentwickeln, wohin die Reise geht. "Die Arbeit ist ein Prozess. Erst mal geht es darum, sich selbst besser kennenzulernen. Im zweiten Schritt tasten sich die Schüler mit ihrem gewonnenen Wissen weiter voran, suchen nach passenden Studiengängen und Berufsbildern." Das sei eine Entwicklung, die sich meistens innerhalb mehrerer Wochen vollziehe. Auch Maibücher hat verschiedene Hochschulen besucht, sich in Vorlesungen gesetzt, diverse Tests ausgefüllt, Freunde nach seiner Persönlichkeit gefragt.Schließlich fand er an der Uni Düsseldorf den Studiengang Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Soziologie, Politik- und Medienwissenschaft. Die Kombination begeisterte ihn sofort. Sie deckte die Vielfalt von Maibüchers Interessen an sozialen und kulturellen Themen ab. Auch heute, zwei Semester später, ist Maibücher zuversichtlich, das richtige Fach gewählt zu haben. Und: Maibücher lernte sich selbst besser kennen. Das, sagt er, sei die wichtigste Erfahrung gewesen.Auch bei Wirtschaftsingenieur Micha Lübbert führte die Neuorientierung zur Selbsterkenntnis. Nachdem er sich darüber klar wurde, wie wichtig ihm die Verbindung eines idealistischen Anliegens mit einem guten Job ist, folgten ganz pragmatische Schritte. Lübbert sagte eine bereits angefangene Diplomarbeit für ein großes Unternehmen ab und wechselte zu einem mittelständischen Betrieb. Dort arbeitet er jetzt an dem Thema "Internes Wissensmanagement".
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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