Berufseinstieg

War for Talents: Arbeitgeber suchen qualifizierten Nachwuchs

D. Fricke, A. Dörner
Junge Elektrotechniker sind besonders gefragtFoto: © empoisonneur - Fotolia.com
Die tollste Webseite nützt aber natürlich nichts, wenn der Joballtag nicht hält, was Slogans und Eigenwerbung versprechen: Wer Bewerbern viel Verantwortung verspricht, muss Einsteigern auch schnell eigene Projekte geben. Wer flexibles Arbeiten verspricht, darf nicht mehr mit der Stechuhr kommen und muss gerade jungen Frauen erklären, wie sich in ihrem Unternehmen Familie und Beruf verbinden lassen. Die heutige Absolventengeneration lässt sich nicht mehr so schnell vom einem großen Namen und einem Dienstwagen locken. Studien zur Arbeitgeberattraktivität zeigen übereinstimmend, dass den Absolventen 2007 ein hohes Einstiegsgehalt weitaus weniger wert ist als interessante Aufgaben und Investitionen in die persönliche Entwicklung.
Kilian Wimmer beispielsweise hat erst einmal alle lukrativen Job-Angebote fahren lassen. Der Betriebswirt hätte für die Wirtschaftsprüfer Rödl Langford de Kock in die USA gehen oder bei Ernst & Young neben dem Job promovieren können. Doch die Unternehmen mussten sich - zumindest vorläufig - nach einem anderen Mitarbeiter umsehen. Der 28-Jährige entschied sich, an der Uni zu bleiben und erst einmal seine Doktorarbeit zu schreiben. Mit der nötigen Gewissheit, dass der Arbeitsmarkt für ihn in zwei Jahren nicht dicht ist. Im Gegenteil: Wimmer hofft, durch den Doktortitel seinen Marktwert noch einmal deutlich zu steigern. Einiges spricht dafür, dass der Kampf um Talente diesmal kein kurzfristiger Trend ist. Selbst wenn sich das Wirtschaftswachstum wieder verlangsamt, wird der Bewerber-Pool kleiner. Schuld ist die demografische Entwicklung. Die Unternehmen müssen sich nicht nur mehr anstrengen, um Nachwuchs zu finden. In Zukunft müssen sie auch mehr tun, um diese Leute tatsächlich zu halten.PorträtsMareike Kienast, 27Eigentlich sind Geophysiker mit Schwerpunkt Seismik in der Erdölindustrie tätig. Sie erstellen ein Abbild des Untergrunds und zeigen den Unternehmen, wo sie Öl unter der Erde vermuten. Auch Mareike Kienast hätte so arbeiten können, Angebote von großen Firmen in London und Oslo lagen ihr vor. Um sie nach Norwegen zu locken, wollte ein Arbeitgeber sogar ihrem Freund einen Job besorgen. Doch die Stuttgarterin hatte andere Vorstellungen von ihrem Berufsalltag: "Ich wollte in den Technikbereich und in ein großes Unternehmen, das spannende Projekte hat." Nach dem Studium an der Uni Karlsruhe bewarb sie sich als Trainee bei Eon und wurde sofort eingestellt. Sie hätte auch bei Bosch oder bei einem anderen Energiekonzern anfangen können, lehnte aber ab. "Mir hat das breit angelegte Programm gefallen. Ich kann hier mitentscheiden, in welche Abteilungen ich gehe", sagt Kienast. Andere Trainee-Programme hätten ihr das nicht geboten. Zurzeit befasst sie sich mit der Frage, wie sich das Kohlendioxid, das die Kraftwerke ausstoßen, unter der Erde speichern lässt - ein Thema, von dem die Stromgewinnung aus Steinkohle abhängt.
Foto: © Junge Karriere
Kilian Wimmer, 28
"Es war schon nicht ganz einfach, den Lockrufen aus der Wirtschaft zu widerstehen", scherzt Kilian Wimmer. Trotz mehrerer lukrativer Angebote von Wirtschaftsprüfungen hat er sich entschieden, erst mal seine Doktorarbeit zu schreiben. Nun ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Passau und verdient weit weniger, als die Unternehmen ihm boten. Dabei hätte nicht nur das Geld gestimmt: Für Rödl Langford de Kock hätte Wimmer in die USA gehen können, bei Ernst & Young machte man ihm das Angebot, neben dem Job zu promovieren. "Ich habe schon gemerkt, dass meine Verhandlungsbasis ziemlich gut ist." Offiziell beworben hatte sich der begehrte Absolvent übrigens kein einziges Mal: "Eigentlich sind alle Unternehmen, bei denen ich Praktika gemacht habe, direkt auf mich zugekommen. Sogar ein ehemaliger Kollege, der sich selbstständig gemacht hat, hat sich bei mir gemeldet." Zwei Jahre noch, dann hofft Wimmer, seinen Doktor gemacht und auch seinen Marktwert noch mal deutlich gesteigert zu haben.Carolin Franz, 24Zwar hatte Carolin Franz nie Angst davor, nach dem Studium keinen Job zu finden. Aber dass der Einstieg so glatt läuft, damit hätte die 24-Jährige nicht gerechnet. Von Bosch und Siemens - bei beiden Unternehmen hatte sie länger als Praktikantin gearbeitet - war sie bereits zum Assessment-Center für ein Traineeprogramm eingeladen, als ihr die Personalerin eines Mittelständlers auf einer Firmenkontaktmesse nach einer halben Stunde ein Jobangebot machte. "Das hat mich schon sehr überrascht." Auch ihr Eintrag im Absolventenbuch der Uni zeigte Wirkung: Nicht nur E-Mails, sondern auch dicke Hochglanzbroschüren und Werbegeschenke kamen bei ihr an. Doch da hatte sich die BWL-Absolventin bereits für ein Traineeprogramm im Personalwesen bei Siemens Power Transmission & Distribution entschieden, wo sie jetzt seit April arbeitet.ChecklisteDo'sAb ins Ausland: Nur 23 Prozent der deutschen Studenten gehen während des Erststudiums ins Ausland, in den Bachelorstudiengängen sind es sogar nur 18 Prozent. Dabei ist die Bedeutung der interkulturellen Kompetenz in den letzten Jahren immer größer geworden. Wer anstatt nach England oder Frankreich den Schritt nach Rumänien, Bulgarien oder Asien wagt, kann besonders punkten.
Stellenanzeigen richtig lesen: "Sie haben ihr BWL-Studium an einer Top-Universität mit überdurchschnittlichen Noten abgeschlossen. Während ihres Studiums haben Sie mehrere Praktika in relevanten Bereichen absolviert. Ihr Englisch ist verhandlungssicher, noch eine weitere Fremdsprache beherrschen sie in Wort und Schrift." Der Job interessiert Sie, doch zwei schlechte Klausuren haben Ihnen den Notenschnitt versaut, und auf Französisch können Sie gerade mal ein Bier bestellen? Das macht nichts. Bewerben Sie sich trotzdem! Unternehmen beschreiben in Stellenanzeigen oft den Idealkandidaten, den es vielleicht gar nicht gibt. Das galt schon immer und hat sich auch in der jetzigen Arbeitsmarktsituation nicht geändert.
Auf Weiterbildung setzen: Unternehmen sind bereit, neue Mitarbeiter nachzuqualifizieren. Hier liegt Ihre Chance, ein paar Extras auszuhandeln. Ein Weiterbildungs- und Trainingspaket zahlt sich langfristig ohnehin viel stärker aus als ein paar Tausend Euro mehr Einstiegsgehalt. Fragen Sie nicht nur nach fachlichen Maßnahmen, sondern auch nach Persönlichkeitstrainings.
Don'tsArrogantes Auftreten: Begehrt sein ist ein tolles Gefühl, aber wer jetzt erwartet, dass überall der rote Teppich ausgerollt wird, setzt sich selbst schnell auf die Abschussliste. Niemand erwartet, dass Sie alles auf eine Karte setzen. Also dürfen Sie ruhig erwähnen, dass auch andere Unternehmen Interesse haben und Gespräche mit Ihnen führen. Zur Schau getragene Arroganz wird aber schnell zum Knock-out-Kriterium. Das fängt schon damit an, wie man die Sekretärin im Vorzimmer des Personalers behandelt.
Zu hoch pokern: Um drei bis vier Prozent haben die Arbeitgeber je nach Branche die Einstiegsgehälter erhöht: Im Schnitt liegen sie zwischen 41000 Euro (Vertrieb, Marketing) und 44935 Euro (Forschung & Entwicklung). Bei besonders begehrten Einsteigern - insbesondere in Technik und Naturwissenschaften - legen die Chefs auch noch etwas drauf. Das Gehaltsgefüge eines Unternehmens wird man als Einsteiger aber nicht sprengen können. Ohne Promotion oder MBA sind mehr als 50000 Euro Jahresgehalt zum Einstieg die Ausnahme.
Ungeduld: Sie haben den Traumjob gefunden, der Vertrag kann sich sehen lassen. Herzlichen Glückwunsch! Und jetzt wollen Sie höher, schneller und weiter - am besten alles auf einmal. Stopp: Schalten Sie besser einen Gang zurück. Nutzen Sie die ersten Jahre im Beruf, um das Unternehmen, die Branche und sich selbst gründlich kennenzulernen. Anspruchshaltung und Selbstüberschätzung sind laut einer Kienbaum-Studie die häufigsten Gründe, warum High Potentials in Unternehmen scheitern.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2007

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