Unternehmen wollen keine Fachidioten, sondern Leute, die über den Tellerrand blicken können. Personaler merken sofort, ob ein Bewerber mit offenen Augen durch die Welt geht oder nur in seiner eigenen Welt lebt. Allgemeinbildung zählt.
Wie viele Windelträger gibt es in Deutschland? Die im ersten Moment ziemlich merkwürdig klingende Frage stellt Stephan Frettlöhr, Principal bei der amerikanischen Unternehmensberatung A.T. Kearney, jedem seiner Bewerber. Dabei punktet nicht derjenige, der beim hilflosen Schätzversuch zufällig am nächsten dran ist, sondern der, der einiges über Deutschland weiß: ungefähre Einwohnerzahl, Geschlechts- und Altersstruktur, Geburtenrate - Allgemeinwissen also. Daran hapert es bei den meisten jedoch. "Viele denken, dass die Bevölkerungsverteilung immer noch die Form einer Pyramide hat - also die Menschen nach oben wegsterben", erzählt Frettlöhr. Wenn er das hört, weiß er nicht, ob er lachen oder weinen soll.Vor allem für Hochschulabsolventen auf Jobsuche ist Allgemeinbildung wichtig. A.T. Kearney zum Beispiel bittet alle Bewerber zu einem 30-minütigen Multiple-Choice-Test, in dem es neben Zahlenverständnis und Analytik vor allem um das Allgemeinwissen geht. Das tun zwar nicht alle Arbeitgeber, aber fast jeder nutzt das persönliche Gespräch, um das Allgemeinwissen der Bewerber abzuklopfen. Viele greifen wie Frettlöhr auf Logikaufgaben, so genannte Brainteaser zurück, oder aber sie suchen sich einen Aufhänger im Lebenslauf und hangeln sich vor. "Ich knüpfe gern über Reisen oder längere Auslandsaufenthalte an die Geschichte und Kultur des jeweiligen Landes an - aber auch an die aktuelle Politik und Wirtschaftslage hierzulande", sagt Per Breuer. So merkt der Personalchef der Unternehmensberatung Roland Berger meist schon am Anfang des Gesprächs, ob der Bewerber mit "offenen Augen durch die Welt geht", wie Breuer sagt, oder keinen Blick abseits der Uni riskiert. Heikel wird es zum Beispiel auch, wenn im Lebenslauf unter Hobbys das Wandern auftaucht, der Bewerber aber nicht einen Berg in den Alpen kennt.Immer wichtig: Ruhe bewahrenWas also können Sie tun, um peinliche Auftritte zu vermeiden? Wenn die ersten Vorstellungsgespräche näher rücken und die Nervosität angesichts drohender Fragen über Deutschlands Windelträger immer größer wird, dann heißt es: Ruhe bewahren. Finden Sie heraus, wie schlau Sie wirklich sind! Junge Karriere hilft Ihnen dabei und zeigt, was und wie viel Sie wissen. Gemeinsam mit Uwe Schnierda und Christian Püttjer, Autoren der gerade im Campus Verlag erschienenen "Trainingsmappe Einstellungstest Allgemeinbildung", haben wir 200 Fragen aus verschiedenen Wissensgebieten ausgewählt, die im Bewerbungsprozess auf Sie zukommen können: von Wirtschaft und Politik über Geografie, Geschichte und Kultur bis hin zur Naturwissenschaft, zu Medien und Computer. "Über die Fragen kann man sehr gut selbst ermitteln, wo man Lücken hat", sagt Uwe Schnierda.Und wenn Sie erst mal erkannt haben, wo Sie stehen, sollten Sie Ihr Allgemeinwissen trainieren, um es Stück für Stück zu verbessern. "Es empfiehlt sich, den Test mehrfach zu lösen", schlägt Schnierda vor. "Dann wird man auf jeden Fall feststellen, dass man sich mit der Zeit steigert." Darüber hinaus raten die Personaler vor allem eins: Lesen, lesen und nochmals lesen - und zwar breit: von Tageszeitungen und Magazinen über Fachliteratur bis hin zu Belletristik. Dabei birgt auch die scheinbar leichte Kost eine Menge verstecktes Lernpotenzial. So empfindet Per Breuer von Roland Berger viele Romane als überraschend gut recherchiert. Auch die gängigen Info-Formate im Fernsehen wie die "Tagesschau" können helfen, den eigenen Wissensstand zu erweitern. Dabei zählen laut Stephan Frettlöhr von A.T. Kearney gar nicht so sehr die tagesaktuellen Themen, sondern vielmehr die mit der "größten Diskussionskraft". Auf die spricht er Bewerber häufig an.Allerdings sucht nicht jeder Arbeitgeber nach demselben Wissenstyp von Bewerber. Denn was ein Hochschulabsolvent draufhaben muss und was nicht, hängt stark davon ab, in welchem Geschäftsfeld das Unternehmen, bei dem er sich vorstellt, tätig ist und für welchen Fachbereich er sich beworben hat. Im Dienstleistungssektor oder generell bei Jobs mit viel Kundenkontakt ist eine sehr gute Allgemeinbildung in der Regel Pflicht. Gesucht wird daher der typische Generalist, der über eine Bandbreite von Themen Wissen angehäuft hat. "Das Beratungsgeschäft ist stark personenbezogen. Für die Akquise ist ein breites Wissensspektrum sehr wichtig. Wir müssen uns mit den Kunden fundiert unterhalten können, egal über was", erklärt Frettlöhr.
Deutschland ade: Unternehmen verlagern Produktion, Verwaltung und Forschung in alle Welt – weil Schwellenländer wettbewerbsfähiger werden und Manager durch Herkunft und Werdegang so weltoffene wie nüchterne Kalkulierer sind wie keine Generation vor ihnen.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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