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Zufall
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Vorstellungsgespräche

Werden Bewerber aus Zufall abgelehnt?

Daniel Rettig, wiwo.de
Personaler sollen objektiv entscheiden, welchem Bewerber sie einen Job geben. In Wirklichkeit entscheidet darüber häufig der pure Zufall, wie eine neue Studie zeigt.
Es ist immer wieder frustrierend: Da haben Bewerber ein Motivationsschreiben formuliert, den Lebenslauf poliert und im Bewerbungsgespräch für sich argumentiert – und dann schickt das Unternehmen trotzdem eine Absage; dankt höflich für das Interesse; und erklärt, die Stelle leider schon vergeben zu haben.

Für das Selbstbewusstsein der Jobsucher ist das nicht gerade förderlich – zumal diese selten erfahren, warum sich das Unternehmen gegen sie entschieden hat. Was hat man selbst wohl falsch gemacht? Waren die anderen wirklich viel besser? Oder taugt man am Ende vielleicht zu nichts?

Von wegen!

Laut einer neuen Studie entscheiden sich Personalverantwortliche bei der Auswahl von Bewerbern häufig irrational. Wer eine Stelle bekommt, ist demnach ebenso häufig purer Zufall. Zu diesem Ergebnis kommen die beiden US-Wissenschaftler Uri Simonsohn (Wharton School) und Francesca Gino (Harvard). Für ihre Untersuchung (.pdf) analysierten sie Daten einer amerikanischen Business School. Dort hatten sich zwischen 2 000 und 2 009 etwa 9 300 Personen für den "Master of Business Administration" beworben.

31 Hochschulangestellte hatten die entsprechenden Interviews geführt. Hinterher gaben sie den Bewerbern Punkte in verschiedenen Kategorien, auf einer Skala von eins bis fünf. Im Schnitt führten sie fünf solche Gespräche täglich und vergaben eine Durchschnittsnote von 2,8 Punkten. Doch bei der Analyse fanden Simonsohn und Gino einen kuriosen Zusammenhang.

Nieten erhöhen die Chancen

War ein Bewerber im Schnitt 0,75 Punkte besser als derjenige vor ihm, dann sank die Punktzahl des darauffolgenden Kandidaten um 0,075 Punkte. Das klingt erst mal nicht beunruhigend. Doch der Nachteil desjenigen, der zufällig zum unpassenden Zeitpunkt dran ist, ist nicht zu vernachlässigen. Um diesen Nachteil wettzumachen, müsste der betroffene Bewerber bei einem Englisch-Test umgerechnet 30 Punkte mehr ergattern oder fast zwei Jahre mehr Berufserfahrung haben.

Die Wissenschaftler erklären sich das Ergebnis wie folgt: Wenn ein Personalverantwortlicher auf viele gute Kandidaten hintereinander trifft, dann rechne er irgendwann zwangsläufig damit, dass nun doch bald mal ein schlechter kommen müsse – und verteilt irgendwann zwangsläufig schlechtere Noten. Für den Betroffenen kann das durchaus fatal sein. Aber im Falle einer Absage kann die Studie durchaus tröstlich sein. Vielleicht lag die Bewerbung schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort – und man selbst konnte gar nichts dafür.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2013
 

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