Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Orakel
Foto: Aarrttuurr/Fotolia.com
Werde ich erfolgreich sein?

Prophezeiungen vom Schulorakel

Ferdinand Knauß, wiwo.de,
In der frühen Kindheit beeinflusst vor allem die Leistung des Arbeitsgedächtnisses – und weniger die Intelligenz – spätere Schulleistungen. Das haben Psychologen in einer Längsschnittstudie herausgefunden.
Sind die Leistungen von Kindern in der Schule durch angeborene Fähigkeiten und familiäre Voraussetzungen vorbestimmt? Die Frage ist nicht nur für Pädagogen von Interesse. Denn sie zielt ins Zentrum der Legitimation von sozialer Verschiedenheit. Bildungs- oder Chancengerechtigkeit wird heute meist als Voraussetzung einer gerechten Gesellschaft betrachtet.

Das Gerechtigkeitsideal sind Kinder, die als unbeschriebene Blätter mit gleichen Voraussetzungen für ihre Schullaufbahn und damit ihren Lebensweg beginnen. In der realen Welt kommen Kinder seit jeher aber mit erheblich unterschiedlichen Startbedingungen – angeborenen und erworbenen – in die Grundschule.

Psychologen der Universität Hildesheim unter Leitung von Claudia Mähler haben sich in der Längsschnittstudie "Koko" der Frage nach der Offenheit oder Vorbestimmtheit schulischen Erfolges genähert. Sie haben herausgefunden, dass in der frühen Kindheit vor allem die Leistung des Arbeitsgedächtnisses – und weniger Intelligenz – spätere Schulleistungen beeinflusst.

Erinnerst du dich noch?

Etwa 200 Kinder aus Hildesheim werden seit ihrem Eintritt in den Kindergarten über fünf Jahre halbjährlich getestet; inzwischen besuchen sie das zweite Schuljahr. In der Studie wurden Vorläuferfertigkeiten bereichsübergreifend (u.a. Intelligenz, Arbeitsgedächtnis, Konzentrationsfähigkeit) und bereichsspezifisch (u.a. Mengenverständnis, Zählfertigkeiten, phonologische Verarbeitung, sprachliche Fertigkeiten) untersucht. Seit Beginn der Schulzeit werden auch die Schulleistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen mit erhoben. Auch der Einfluss von Umwelteinflüssen wie sozioökonomischer Status, Migrationshintergrund und häusliche Lernumgebung wurde erfasst.

"Schulleistungen am Ende der 1. Klasse können wir zu 25 Prozent aus der Leistung des Arbeitsgedächtnisses im Alter von 4 Jahren vorhersagen", sagt Psychologin Ariane von Goldammer. Das Arbeitsgedächtnis sei ein "guter Prädikator". Es ist für die kurzfristige Speicherung und Bearbeitung von lautlichen und visuellen Informationen und deren Transfer (vom Hören ins Schreiben) zuständig und damit "von zentraler Bedeutung für das Lesen-, Schreiben- und Rechenlernen", so von Goldammer.

"Insgesamt können durch Erfassen von Arbeitsgedächtnis, phonologischen und numerischen Kompetenzen, sozioökonomischem Status und Migrationshintergrund bei 4-jährigen Kindern bereits 34 Prozent der Lese-, 52 Prozent der Rechtschreib- und 35 Prozent der Mathematikleistung am Ende der 1. Klasse vorhergesagt werden", so das Fazit der Forscher. Sie weisen allerdings auch auf die Bedeutung weiterer Faktoren wie Motivation, Unterrichtsqualität und Klassenklima hin.

Karriere | Service