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Worauf kommt es Facharbeitern ohne Uniabschluss an?
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Stellenanzeigen

Lockruf geht an der Zielgruppe vorbei

Kerstin Dämon, wiwo.de
Akademiker erwarten von einem Job häufig Aufstiegschancen und eine gute Work-Life-Balance. Fachkräften mit einer Ausbildung geht es dagegen eher um ganz andere Faktoren.
Work-Life-Balance, spannende Aufgaben, ein gutes Gehalt, nette Kollegen, tolle Aufstiegs- und Entwicklungschancen: Darauf kommt es jungen sowie älteren Akademikern bei einem Arbeitgeber an. Der Data Scientists, die Personalerin, der Buchhalter, die Mediendesignerin und der Wirtschaftspsychologe – sie alle wollen einen Job, der mehr ist, als bloßer Broterwerb.

Der Beruf soll Berufung sein, zumindest aber glücklich machen. Flexibel soll er sein, gut bezahlt und erfüllend. Entsprechend verkaufen sich die Unternehmen in ihren Stellenanzeigen und auf ihren Karrierewebsites. Gemäß einer aktuellen Analyse des Karrierenetzwerkes LinkedIn beschreibt sich die Mehrheit der Unternehmen im Netz mit den immer gleichen Phrasen: führend, innovativ, attraktiv, nachhaltig.

Stellenanzeige an der Zielgruppe vorbei

Gleiches in den Stellenanzeigen: Der Typ Mitarbeiter, der gesucht wird, ist – unabhängig von der Position – ein dynamischer, flexibler Macher, gleichzeitig Kosmopolit, der in einem motivierten Team arbeiten möchte. Über den jeweiligen Ausschreibungen sind glückliche junge Menschen zu sehen, die strahlen, als machten sie Reklame für Zahnpasta.

Nur: Auch Stellenanzeigen, die sich an den Busfahrer, die Kassiererin, den Altenpfleger oder das Zimmermädchen richten, sehen so aus. Damit gehen sie vollständig an der Zielgruppe vorbei. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung, die das Stellenportal meinestadt.de gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut respondi durchgeführt hat. Für die Studie wurden 42.000 Fachkräfte mit Berufsausbildung dazu befragt, welche Aspekte für sie über die Wahl eines Arbeitgebers entscheiden.

Matthias Baum, Inhaber des Lehrstuhls für Entrepreneurship an der Universität Kaiserslautern, und seine Kollegen haben die Ergebnisse der Umfrage wissenschaftlich ausgewertet.

Karriere und Selbstverwirklichung nur Nebensache

Die meisten Befragten stammen aus den Branchen Logistik, Handwerk, Handel und Gesundheitswesen und auf die Frage, was ihnen an einem Job beziehungsweise Arbeitgeber wichtig ist, antworteten sie zum Beispiel: "Sicherer Arbeitsplatz, bei dem der Mensch zählt und nicht nur die Arbeitsleistung", ein anderer wollte ein "gutes Arbeitsklima; gute Bezahlung", der dritte legt Wert auf "pünktliche Zahlung des Gehaltes; gutes Betriebsklima; Nähe zur Wohnung" und eine Vierte "Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern; pünktliche Bezahlung; angemessene Bezahlung." Von Karriere und Selbstverwirklichung sprachen von 1800 Teilnehmern gerade einmal sechs.

Denn Karriere macht an der Kasse oder im Warenlager niemand – das wissen auch die Einzelhandelskaufleute und Lagerarbeiter. Auch von exorbitanten Gehältern träumt kaum jemand. Schließlich weiß der Müllwerker genauso wie die Kinderkrankenschwester, dass der Tarifvertrag den Gehaltswünschen natürliche Grenzen setzt. Einer der Befragten wünscht sich deshalb schlicht "ein Gehalt, von dem man leben kann."

Nicht hinter Floskeln verstecken

Dass Unternehmen ihre Zielgruppe entsprechend umwerben, ist eher selten – und kann schon mal wie Satire wirken. So zumindest im Fall des Krankenpflegedienstes Kolf & Buchholz aus Bergisch Gladbach. Eine entsprechende Stellenanzeige von Chef Norbert Buchholz sorgte 2015 für ein großes mediales Echo, weil er in einer Stellenanzeige in den "Lokalen Informationen" Leverkusen nach der "eierlegenden Wollmilchsau" sucht, die "Lust auf gestresste Kollegen, Überstunden ohne Ende und ein attraktives Gehalt von 850 Euro brutto" hat.

Man kann darüber streiten, ob Buchholz so Bewerber verschreckt, oder gestandenen Altenpflegern zeigt: Hier hat jemand Humor. Zumindest aber ist es ehrlicher als eine Annonce, die der Pflegerin die große Karriere vorgaukelt, weil bei den immer gleichen Stellenanzeigen lediglich die Berufsbezeichnung geändert wird.

Entsprechend empfehlen sowohl die Experten von Linkedin als auch von meinestadt.de, authentisch zu bleiben und sich nicht hinter schönen Floskeln zu verstecken. Für die Erzieherin ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, wie groß die Gruppen im Kindergarten sind, ob die Einrichtung eine U3-Betreuung anbietet und wie groß der administrative Teil in Form von Lernberichten ist. Das sollte in der Ausschreibung stehen. Genauso wie der Busfahrer vorab wissen will, dass er immer zum Monatsersten das Gehalt auf dem Konto hat. Wenn sich der Maler und die Altenpflegerin dann noch mobil bewerben können, dann klappt es auch mit den ausgebildeten Fachkräften.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 04.10.2017
 

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