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Bewerber sollten mutiger sein
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Überzeugen im Vorstellungsgespräch

"Ich will selbstbewusste, authentische Bewerber"

Kerstin Dämon, wiwo.de
"Meine Schwächen sind... und meine Stärken..." – Personalerin Nora Feist hat keine Lust mehr auf Floskeln im Vorstellungsgespräch. Worauf es bei Bewerbern wirklich ankommt, erklärt sie im Interview.
Die Anthropologin Ilana Gershon hat gesagt, dass Bewerber bewusst Regeln brechen müssen, um sich von Konkurrenten abzuheben. Gilt das in der Kreativbranche noch stärker als in anderen Branchen? Müssen ihre Bewerber besonders auffallen?

Nora Feist: Wir sind als Kreativagentur natürlich ein anderer Fall als eine Bank, bei der es sehr seriös zugeht. Wenn ich mit anderen Personalern spreche, sagen sie auch, dass sie sich langweilen, wenn sie immer dasselbe hören oder lesen: "Hiermit bewerbe ich mich auf Ihre Stelle als...", "Ich habe Ihre Stellenanzeige im Internet gesehen...".

Was wollen Personaler denn lesen beziehungsweise hören?

Grundsätzlich will ich als erstes von einem Bewerber wissen, warum er zu uns will. Wenn einer dann nur seinen Lebenslauf abspult, langweile ich mich. Der Einstieg muss mich neugierig machen. Die Menschen, die mich schon mit ihrer Bewerbung begeistern, die mich neugierig machen, sind genau die kreativen Köpfe, die ich suche.


Zur Person

Nora Feist ist Geschäftsführerin und HR-Verantwortliche der Berliner Storytelling-Agentur Mashup Communications.


Also doch Regeln brechen?

Ich kann Bewerbern nur raten, mutiger zu sein.

Sind die denn so zurückhaltend?

Manche kommen in der Bewerbung sehr souverän rüber, sind im Vorstellungsgespräch dann aber sehr schüchtern. Die aus der Reserve zu locken, ist dann meine Aufgabe. Einen Kandidaten, der Tischler gelernt hat, habe ich zum Beispiel gefragt, welches Möbelstück er gerne wäre und warum.

Und das ist besser?

Viele Bewerber erzählen mir im Vorstellungsgespräch ihren Lebenslauf noch einmal, obwohl sie ihn mir vorher schon geschickt haben. Leider können sich viele davon nicht lösen. Ich will aber hinter die Fassade schauen und den Bewerber kennenlernen. Das geht nicht, wenn er mir seine Karrierestationen auflistet oder ich einen Fragenkatalog abarbeite. Ein Bewerbungsgespräch ist ein bisschen wie ein Date. Da bringt auch niemand seinen Lebenslauf mit. Ich frage auch Dinge wie: Welcher Superheld wärst du gerne? Da gibt es keine richtigen oder falschen Helden. Ob jemand ein starker lauter Hulk ist oder ein stiller Harry Potter – daran ist nichts besser oder schlechter. Und ein bisschen Held steckt in jedem, bei manchen muss man das nur herauskitzeln.

Indem Sie fragen, welches Möbelstück oder welcher Held jemand ist?


Ich stelle gerne Storytellingfragen, die die Bewerber aus der Reserve locken sollen. Zum Beispiel frage ich: Wenn das Berufsleben ein Berg ist, auf welcher Etappe stehen Sie da? Noch im Tal, am Basislager, auf der Hälfte? Und welche Werkzeuge brauchen Sie, um die nächste Stufe zu erklimmen? Aus der Antwort auf diese Fragen erfahre ich viel mehr über den Bewerber, als wenn er sich an seine vorgefertigten Sätze klammert. Mich interessieren seine Erfahrungen, was macht ihn aus? Was erwartet er? Ich will ein richtiges Gespräch, kein stures Abfragen. Der Bewerber soll mich ja auch kennenlernen und entscheiden, ob er sich vorstellen kann, bei mir zu arbeiten.

Wer überzeugt Sie denn eher? Die Extrovertierten oder eher die introvertierten Typen?


Ich will selbstbewusste, authentische Bewerber. Wer nicht laut ist, muss nicht so tun als wäre er es. Und wer kein stiller Typ ist, sollte seine laute Art nicht unterdrücken. Ich will nicht belogen werden.

Und was sollte ein Bewerber antworten, wenn Sie fragen, warum er ausgerechnet zu Ihnen möchte?


Eine Bewerberin, die wir später eingestellt haben, hat auf die Frage geantwortet: "Weil mich eine Katze gebissen hat."

Bitte was?

Sie sagte, sie habe Tierpflegerin gelernt und wollte eigentlich Tiermedizin studieren. Wegen der Verletzung durch den Biss habe sie sich aber umorientiert. Das ist kreativ, das macht hellhörig.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 16.06.2017
 

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