Rechenkünstler

Wenn Controller Manager beraten

Ulrike Heitze
Foto: © Junge Karriere
Kandidaten dagegen, die netzwerken und perfekt präsentieren können, punkten. Addiert man die Wünsche der Arbeitgeber für ihren Controlling-Nachwuchs, kommt in der Summe ein teamfähiges Kommunikationswunder mit Persönlichkeit heraus, das mal eben die Datenbank umprogrammieren und daraus einen IFRS-Jahresabschluss friemeln kann. Übermut ist für Job-Novizen trotz der aktuellen Stellenflut also nicht unbedingt angesagt.
"Klar, man kommt derzeit auch mit mittelmäßigen Studiennoten in den Job, wenn man entsprechende Prakika-Erfahrungen mitbringt", sagt Robert-Half-Manager Brand. "Die Nachfrage ist ja da. Aber Karriere macht man nur mit fundierten Kenntnissen. Entscheidungen müssen heute viel schneller getroffen werden. Unterm Strich sind die Anforderungen und der Druck gestiegen." Darauf müsse man sich einstellen. Das ist zwar hart, aber die Realität. "Nur rechnen zu können, das wäre für die Zukunft zu wenig. Damit kommt man nicht mehr weit."Wo soll die Reise hingehen?Deshalb raten Fachleute wie Renate Adler: "Wer genau weiß, wo er hin will, sollte sein Profil schon während des Studiums gezielt schärfen." Oder eben erst mal über Praktika ausprobieren, wo die Reise hingehen soll. Ob es denn zum Beispiel eher die Konzernkarriere oder die Laufbahn im Mittelstand sein soll. Wer später im Ausland arbeiten möchte oder zum Beispiel einen Posten im Finanzvorstand anpeilt, wird - auch wenn die Abgrenzung zunehmend verwischt - eher bei Konzernen fündig werden. Dann ist ein Auslandspraktikum ebenso sinnvoll wie die Spezialisierung auf ein Thema, rät Mario Sestan, Leiter der Business Line Finance beim Personalvermittler Adecco. "Denn im Konzern wird man immer nur einen Teil eines Rädchens drehen."
Wer dagegen lieber wie Mirko Sprenger in der Gelsenkirchener Erlebniswelt Zoom am großen Ganzen arbeitet, sollte Praktika im Mittelstand absolvieren und auf Fächerkombinationen setzen, die breit ausbilden. Also beispielsweise IT, Finanz- und Projektmanagement oder Buchhaltung wählen.
Auch wer mit einer späteren Selbstständigkeit liebäugelt, ist dafür mit breit angelegten Mittelstandserfahrungen besser ausgerüstet als sein hochspezialisierter Konzernkollege. Das weiß der Freiberufler Bernd Oelsner aus eigener Erfahrung. Der 39-Jährige ist seit einigen Jahren als selbstständiger Controller und Interimsmanager tätig und hat sich auf dem Weg dorthin ein Netzwerk mit zahlreichen Kontakten aufgebaut, ohne das an eine Existenzgründung gar nicht zu denken gewesen wäre. Mindestens fünf Jahre Einsatz in verschiedenen Unternehmen braucht es, um danach als freiberuflicher Controller und Interimsmanager Fuß fassen zu können. 
 
Somit läuft unterm Strich - egal, für welchen Berufsweg sich talentierte Zahlenjongleure nun entscheiden - alles auf möglichst schnelle und reichhaltige Berufserfahrung hinaus. Immerhin: Die Gelegenheit, diese zu sammeln, ist für den akademischen Nachwuchs in diesen Zeiten so günstig wie selten zuvor.Anne Strutz kalkuliert Kosmetik-Sonderangebote und-Werbeaktionen: Wenn ein Kunde nach dem neuesten Fructis-Shampoo aus dem Sonderangebot greift oder ihm auf dem Weg zur Kasse ein Iris- Berben-Pappaufsteller eine neue Haarcoloration anbietet, dann hat wahrscheinlich zuvor Anne Strutz ihre Hände - oder besser ihren Taschenrechner - im Spiel gehabt. Die 30-Jährige ist Controllerin beim Schönheitskonzern L'Oréal und somit für den Vertrieb der Marken Garnier und Maybelline zuständig. Egal, ob Sonnenmilch, Körperlotion oder Lippenstift, wann immer ein Handelspartner eine Aktion mit ihren Produkten plant, berechnet Strutz, ob sie auch rentabel für L'Oréal ist. Sie prüft, ob die Konditionen ins Kundenbudget passen, kalkuliert, welche Zugaben oder Rabatte der Konzern noch obendraufpacken könnte. Oder sie klärt mit ihrem Logistik-Kollegen, ob für Sonderaktionen genügend Produkte vorhanden sind."Routine gibt es zum Glück wenig""Der Job ist ausgesprochen vielseitig. Routine gibt es zum Glück wenig," sagt die zierliche Vertriebscontrollerin. Alles andere wäre ihr auch zu langweilig. In schöner Regelmäßigkeit berechnet sie lediglich die Umsätze der verschiedenen Kunden, gleicht die Ergebnisse mit ihren Budgets ab und bereitet wöchentliche und monatliche Berichte für die Zentrale in Paris vor. Ansonsten "passiert viel ad hoc. Ich kann ja nicht voraussehen, wann welcher Kunde auf welche Idee kommt und was sonst noch passiert."
Wenn beispielsweise wieder mal zwei Handelsketten fusionieren und eine Lösung für die gemeinsame Budgetplanung her muss. Oder wenn der Umsatz mit einem Kunden plötzlich solch hohe Kosten verursacht, dass sich das alles nicht mehr richtig rechnet. Dann ist es jeweils an Strutz, nicht nur das Problem möglichst fix zu erkennen und die Zahlen zum Problem zu liefern, sondern darüber hinaus gemeinsam mit den Großkunden-Betreuern und den Geschäftsführern an Lösungen zu feilen. "Wenn es nur der Kontrolljob gewesen wäre, hätte ich das hier nicht machen wollen. Aber so bin ich die Schnittstelle zu ganz vielen anderen Bereichen und voll in Entscheidungsprozesse eingebunden. Das ist eine schöne Verantwortung."
Und Verantwortung wollte die damals 25-jährige Diplom-Kauffrau aus Merseburg unbedingt übernehmen, als sie 2003 bei Vichy Deutschland anfing. "Dass man mir gleich als Junior das Flaggschiff der Apothekenkosmetik anvertraut hat, nach dem Motto: ‚Die Marke gehört dir, mach mal!', war einfach fantastisch. Das erste Jahr war zwar richtig hart, so viel Neues. Vom Umsatz bis zum Ergebnis hatte ich alles unter mir. Aber ich bin sehr, sehr stolz, dass das geklappt hat", sagt die engagierte Controllerin.

Mittlerweile hat sie den dann doch recht übersichtlichen Apothekenmarkt mit der "alten Dame" Vichy und der noch jungen Marke innéov gegen den schnell drehenden Massenmarkt getauscht. Erst als Marketingcontrollerin für L'Oréal Paris, jetzt als Vertriebscontrollerin für Garnier/Maybelline. "Für einen Controller ist das eine ganz neue Dimension, statt Tausende unabhängige Apotheken plötzlich mehrere Großkunden wie Schlecker mit ihren zigtausend Filialen zu erfassen. Drogerieketten funktionieren ganz anders als Apotheken." Eine Aufgabe, mit der Strutz sich für die Zukunft fit macht, denn, so schätzt sie: "Der Erfolg entscheidet sich immer mehr über die Optimierung der Kosten. Controlling wird also ein immer interessanterer Job werden."
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2008

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