Mein schlimmster Job

"Warum liest du es nicht noch einmal"

Claudia Obmann
Otto Lindner, Vorstand von Lindner Hotels, kennt die Facetten seines Gewerbes. Die schlimmste Seite hat er als Trainee in einem der weltbesten Hotels kennengelernt. Ohne andere Aufgaben war er dazu verdammt, immer wieder das selbe Buch zu lesen.
Für Otto Lindner war Langeweile das schlimmsteFoto: © Pressefoto
Es war in Hongkong, in einem der besten Fünf-Sterne-Hotels der Welt. Ich war damals 24 Jahre alt und hatte nach meiner Ausbildung zum Hotelkaufmann gerade mein Betriebswirtschafts-Vordiplom in der Tasche. Für die Semesterferien hatte ich ein Traineeship in der ehemaligen britischen Kronkolonie ergattert. Ich war sehr motiviert und freute mich auf spannende Herausforderungen in Asien.
Vor Ort kam ich dann nach den verschiedenen Stationen im Nobelhotel schließlich auch in die Reservierungsabteilung. Dort fragte ich voller Elan meine chinesische Vorgesetzte, was ich denn tun solle. Sie antwortete nur kurz: "Read the handbook." Ich schluckte, nahm das Handbuch entgegen, das sie mir reichte, und las. Auf den etwa hundert Seiten voll kleinteiliger Handlungsanweisungen ging es um den Umgang mit Reservierungen. Lauter Details, die ich schon von meiner Hotellehre in Deutschland in- und auswendig kannte.Nach einer Stunde war ich fertig und fragte wieder bei meiner Chefin an und hoffte, endlich eine spannendere Aufgabe zugeteilt zu bekommen. Doch die Chinesin erwiderte mir lapidar: "Read the handbook again." Nach zwei weiteren Stunden stand ich also erneut vor ihr, um mich nach weiteren Aufgaben zu erkundigen. "Why don't you read it again?" fragte sie, inzwischen deutlich genervt.Nichts tun zu dürfen war desaströsKurz und gut, es gab überhaupt nichts für mich zu tun. Sechs Tage à neun Stunden, eingepfercht in einem Minibüro ohne Tageslicht mit zwölf, zumeist Kantonesisch sprechenden Kolleginnen. Und dabei so zu tun, als ob ich ein Buch läse. Es war die Hölle. Ich konnte ja noch nicht mal eine Zeitung auspacken, um mir die Langeweile zu vertreiben.Daraus habe ich gelernt: Überlastet zu sein, ist schrecklich. Nichts tun zu dürfen, jedoch ist desaströs. Das hat meine Einstellung gegenüber Mitarbeitern geprägt. In meinem Berufsleben versuche ich seitdem, unseren Mitarbeitern, angefangen bei den Trainees, schon sehr früh verantwortungsvolle und interessante Aufgaben zu übertragen.Lesen Sie von anderen schlimmsten Jobs:
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Dieser Artikel ist erschienen am 05.07.2010

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