Agrarwirtschaft

Vom Student zum Unternehmer

Jens Konrad Fischer
Denn der Agrarpraktikant Dürr entdeckte in sechs kurzweiligen Monaten, von denen er in erster Linie Studentenfeiern in Moskau und dörfliche Gastfreundschaft auf den Bauernhöfen in Erinnerung behalten hat, eine neue Passion, es war der kulturelle Austausch. Er hatte Agrarstudenten von verschiedenen sowjetischen Universitäten kennengelernt, mit ihnen diskutiert, gestritten, getrunken - und vor allem all seine Vorurteile, in denen er vom finsteren politischen System Rückschlüsse auf die Menschen gezogen hatte, abgelegt.Zurück in Deutschland ließ er sein Studium ruhen und widmete sich ausschließlich dem Aufbau eines regelmäßigen Studentenaustauschs zwischen deutschen und sowjetischen Universitäten. Die Erfahrungen, die sein Weltbild so grundlegend verändert hatten, wollte er nun anderen ermöglichen.Schnell verfügte Stephan Dürr über wertvolle Kontakte zu Geschäftsleuten Mit Unterstützung des Bauernverbandes reiste er nun alle paar Monate mit deutschen Studentengruppen nach Russland, dazwischen kümmerte er sich um russische Gruppen, die Deutschland besuchten. Dabei kam er nicht nur mit Studenten, sondern auch mit einer Reihe von Funktionären auf deutscher und russischer Seite in Kontakt. Und geriet so mit einem Mal in den Strudel der geschichtlichen Ereignisse, die sich 1990 zu überschlagen begannen.Als Praxiskenner der russischen wie der deutschen Landwirtschaft, der zudem politisch unbelastet war und beide Sprachen fließend sprach, verfügte er mit einem Mal über ein Wissen und über Kontakte, die viel wert waren.1991 wurde Dürr zunächst von der deutschen Botschaft in Moskau damit betraut, Vertretern der russischen Agrarverwaltung auf ostdeutschen Höfen den Umbau volkseigener Betriebe in kapitalistische Landwirtschaftsunternehmen zu erläutern. Daraus entstand der "deutsch-russische agrarpolitische Dialog", den Dürr in den folgenden Jahren leitete.Bezahlt wurde Dürr vom deutschen Landwirtschaftsministerium, geschätzt auf beiden Seiten. Der Agrarausschuss der Duma, der russische Föderationsrat - alle Gremien, die in Russland mit der Neuorganisation der Landwirtschaft zu tun hatten, kontaktierten ihn als Berater.Gunther Beger, heute Abteilungsleiter beim Bundeslandwirtschaftsministerium, war zu dieser Zeit bei der Deutschen Botschaft in Moskau tätig und sagt über Dürr: "Es gelingt ihm schnell, seine Kompetenz zu demonstrieren, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Das mag man in Russland." Dürr komme außerdem entgegen, dass er ein ruhiger und überlegter Geschäftspartner sei, so Beger.Vor allem aber war Dürr einer der ersten Deutschen aus der Agrarbranche, der sich dafür entschied, dauerhaft in Russland zu bleiben. Dafür nahm er sogar in Kauf, die ersten Jahre mit seiner Frau und dem ersten Kind in einer kleinen Einzimmerwohnung zu leben. Schnell verfügte er über Kontakte, die ihn für Diplomaten und Geschäftsleute zum wertvollen Partner machten. "Das hat ihn zu einem unersetzbaren kulturellen und gesellschaftlichen Brückenbauer gemacht", erinnert sich Franz von Busse, der mit Landmaschinen in Russland handelt und über ein Projekt mit Dürr in den russischen Markt einstieg.Die zentrale Aufgabenstellung aller agrarpolitischen Gremien in Russland lautete zu dieser Zeit: Soll der Boden privatisiert werden? Dürr setzte sich hier für eine Lösung ein, die dem einsetzenden radikal-liberalen Klima entgegenstand und für die ihm heute dennoch das ganze Land dankbar ist: Gegen die freie Privatisierung. "Eine ungeordnete Privatisierung des Landes hätte Bodenspekulationen gefördert und auch beim Landbesitz zu einem ineffizienten Oligarchentum geführt", argumentiert Dürr heute wie damals.Mit dieser Argumentation setzte er sich durch, 1993 trat dann die von ihm organisierte Neuordnung der russischen Landwirtschaft in Kraft. Alles Grundeigentum wurde vom Staat an die Dorfbevölkerung, welche die jeweilige Kolchose bewirtschaftete, aufgeteilt. Die Mitarbeiter, Pensionäre und andere mit der Kolchose in Verbindung stehende Personen erhielten Anteilsscheine. 2007 hat man ihn in Russland dafür mit dem Pjotr-Stolpin-Nationalpreis ausgezeichnet.

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