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Vom Student zum Unternehmer
Auf der Suche nach Abenteuern reiste der Odenwälder Stefan Dürr im Jahr 1989 nach Russland. Seither lässt ihn die Leidenschaft für das Land nicht mehr los. Heute gehört Dürr zu den einflussreichsten Agrarunternehmern des ganzen Landes.
Eigentlich müsste Stefan Dürr Landwirt im Odenwald sein. Der groß gewachsene blonde Lockenkopf hat die kräftigen Hände eines Bauern, den plätschernden Dialekt der Region. Als Jugendlicher half er seinem Großvater jedes Wochenende und in den Schulferien auf dem familieneigenen Hof bei Eberbach am Neckar, später absolvierte er zwei Dörfer weiter eine landwirtschaftliche Lehre. Das großväterliche Erbe umfasste 14 Hektar Ackerbau mit angeschlossener Gastwirtschaft. Nicht sehr groß, aber irgendwie hätte Stefan Dürr davon leben können. Er wollte es unbedingt.
Doch dann kam der 27. Oktober 1988, in Moskau schüttelten sich Michail Gorbatschow und Helmut Kohl die Hände und besiegelten damit Stefan Dürrs Schicksal.
Die beiden Staatschefs verständigten sich bei diesem Treffen nicht nur auf eine Kooperation in Abrüstungsfragen und eine Aussiedlung der Russlanddeutschen, sondern auch darauf, dass es einen Praktikantenaustausch im Agrarsektor geben sollte. Die Organisation in Deutschland übernahm der Bauernverband, im Juni 1989 bestiegen die zwei ersten deutschen Praktikanten in München die Aeroflot-Maschine Richtung Moskau. Einer der beiden war Stefan Dürr.
Fünf Milchviehbetriebe auf 100 000 Hektar und 2500 Mitarbeiter
Heute ist Dürr 45 Jahre alt und Inhaber der Unternehmensgruppe Ekoniva, er betreibt auf gut 100 000 Hektar Land im Westen Russlands fünf große Milchviehbetriebe, außerdem importiert er Landmaschinen nach Russland. Das Unternehmen machte 2008 fast 230 Millionen Euro Umsatz, Dürr beschäftigt knapp 2500 Angestellte.
Im Sommer 1988 hingegen war Dürr Student der Agrarwissenschaft an der Universität Bayreuth und sein großer Traum von einem Leben als Landwirt hatte sich gerade zerschlagen. Denn sein Großvater, der bis zuletzt den Familienhof geführt hatte, war kurz zuvor gestorben. Bei der Verteilung des Erbes hatte sich gezeigt, dass die zerstrittenen Nachkommen den großväterlichen Hof nicht zusammenhalten konnten. Das Gut im Odenwald wurde verkauft, der Erlös geteilt.
Stefan Dürr war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre, er hatte sein ganzes Leben dem Ziel gewidmet, den Hof der Familie zu übernehmen. Das zerschlug sich nun und für Dürr brach damit eine Welt zusammen.
"Mir fehlte das Ziel, auf das ich hingearbeitet hatte", sagt er heute. Schon als Jugendlicher wollte Dürr Landwirt werden. Einen Plan B gab es nicht, Stefan Dürr hatte sich auf ein Ziel fixiert, darauf war er optimal vorbereitet - nur mit dem Scheitern hatte er nicht gerechnet.
Dürr wusste nicht weiter, er wusste nur, dass er jetzt weg musste. Seinen Platz im Odenwald, den gab es nicht mehr. Aber er wusste auch, dass ihn die Liebe zur Landwirtschaft nicht mehr loslassen würde. Also machte er sich auf die Suche nach Abenteuern, wie er selbst sagt, oder nach Inspirationen für alternative Zukunftspläne.
Er ging für ein Jahr nach Norwegen, arbeitete auf einem Hof im Süden des Landes. Er versuchte sich als politischer Aktivist bei den Grünen, gründete den Ortsverband im badischen Walldorf und engagierte sich für den ökologischen Landbau. Dann hörte er von der Möglichkeit, an dem Austausch nach Russland teilzunehmen. Für ein halbes Jahr sollte er auf Kolchosen im Umland von Moskau und in der Region Kursk mit anpacken.
Ein Ausflug in den real existierenden Sozialismus, dem Klassenfeind ins Auge schauen - das klang nun wahrlich nach Abenteuer. Russen kannte Dürr nur als Hände schüttelnde Anzugträger mit grimmigen Gesichtern, die Bevölkerung dahinter verschwamm für ihn zu einer Menge von tüchtig rackernden Arbeitern in volkseigenen Fabriken und Kolchosen. So betrat Dürr das Land im Sommer 1989 als ein innerlich gestrandeter Student auf der Suche nach aufrüttelnden Erlebnissen - kaum ein Jahrzehnt später galt er vielen Russen als Retter ihrer Landwirtschaft.
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