Christoph Schmidt

"Unsere Analyse betrifft zeitgemäße Themen"

Kirsten Ludowig
Bereitet Ihnen der Zeitpunkt Ihrer Berufung in den Rat Sorge?
Wir befinden uns in einer Rezession. Zudem gibt es eine nicht ganz neue Kritik an unserer Zunft, vor allem bezüglich der Prognosefähigkeit. Aber der Aufschwung wird wahrscheinlich nicht allzu lange auf sich warten lassen; Quartale ja, Jahre nein. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.
Welche Weichen meinen Sie? 
Wir dürfen die Integration der Weltwirtschaft, die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet haben, nicht aufs Spiel setzen, weil wir dadurch auch erfolgreich die Armut weltweit bekämpft haben. Die nationalen Konjunkturpakete sind meist zu sehr auf die eigene Nation gerichtet. Bei diesen protektionistischen Maßnahmen müssen wir sehr aufpassen.
Der neue Vorsitzende des Rates, Wolfgang Franz, ist wie Sie Arbeitsmarktexperte. Gibt es jetzt Kompetenzgerangel? 
Es geht darum, ob ich den Rat weiterbringe oder ob er das Gleiche auch ohne mich leisten und folglich auf mich verzichten könnte. Ich möchte aber nicht verzichtbar sein. Das heißt, ich werde mich natürlich mit meinen Stärken, etwa bei Fragen zur empirischen Kausalanalyse, einbringen. Am Ende unterschreiben aber alle fünf Wirtschaftsweisen das Jahresgutachten - das ist eine Gemeinschaftsleistung. Das RWI zeigt es: Mein Vorstandskollege Thomas Bauer ist einer der besten Arbeitsökonomen in Deutschland, und es hat dem Institut nie geschadet, dass es zwei Forscher mit einem ähnlichen Profil gibt. Im Gegenteil: Wir ergänzen uns prächtig.
Für viele war der Sachverständigenrat ein Sprungbrett - zum Beispiel für Bundesbankpräsident Weber. Haben Sie noch Höheres vor? 
Ich bin immer bereit für neue Herausforderungen - wenn es an der Zeit ist. Wer die Chancen, die ihm das Leben bietet, nicht ergreift, ärgert sich später. Aber im Moment verschwende ich keinen Gedanken daran, was noch kommen kann. Das Institut und der Sachverständigenrat sind tolle Aufgaben, die sehr eng miteinander verbunden sind. Da möchte ich, auch mir selbst, erstmal beweisen, dass ich das schaffe.
Christoph SchmidtAm 25. August 1962 kam Christoph Schmidt in Canberra zur Welt - sein Vater, ein Mediziner, forschte Down Under. Schmidt hat sowohl einen deutschen als auch einen australischen Pass. Nach dem Abitur in Fulda studierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, promovierte in Princeton und habilitierte an der Universität München. 1995 wurde er Professor für Ökonometrie an der Universität Heidelberg. Seit 2002 ist er Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), das zu den führenden Instituten für Konjunkturprognosen in Deutschland gehört.Neben der angewandten Ökonometrie interessiert er sich vor allem für arbeits- und bevölkerungsökonomische Fragen. Anfang März 2009 wurde Schmidt als Nachfolger von Bert Rürup in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen. Die fünf Wirtschaftsweisen legen der Bundesregierung jährlich ein Gutachten vor. Der 46-Jährige lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Essen.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.04.2009

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