Alle rühmen das Ruhrgebiet - für seinen Wandel vom Kohlerevier zur Hightech-Region, für seine Innovationsbereitschaft, für seine Fußballkultur, für seine grundsoliden und ehrlichen Einwohner. Aber deswegen allein würden wir doch nicht nach Bochum, Dortmund, Duisburg oder Essen ziehen. Wir haben andere Gründe gefunden.
Nur der Papst war noch nicht da. Sonst eigentlich jeder. Fast jeder. Vom mehrfachen Familienvater über den Beine glatt rasierten Fahrradfahrer, von den hemmungslos feiernden Studenten, Musicalanbetern, Rock- und Popbands und Fußballteams bis zu reiselustigen Rentnern, Ex-Zechenarbeitern und Backpackern aus aller Welt. 10.000 Gäste kommen jährlich in das In Hostel Veritas, ein ehemaliges Verwaltungsgebäude einer Zeche. Und es werden immer mehr. Denn hier lebt noch das Ruhrgebiet-Feeling.Für eine vergängliche Spinnerei hielten Familie und Freunde die Idee der damals erst 23-jährigen Christina Antwerpen. Mit ihrer Freundin Verena Breuckmann wollte sie Oberhausens erstes Backpacker-Hostel eröffnen. Vor allem Banken taten sich mit der Idee schwer. Von mehr als 20 angeschriebenen Instituten kamen höfliche Absagen oder erst gar keine Rückmeldungen zurück. Eine einzige Bank gab den jungen Frauen nach langem Hin und Her endlich eine mündliche Zusage. "Das war an einem Freitag in Anwesenheit unseres Unternehmensberaters", erzählt Christina. "Wir waren überglücklich - bis am Dienstag darauf die Zusage telefonisch wieder zurückgenommen wurde." Die Mietverträge mit den Vermietern des alten Zechengebäudes hatten die beiden Gründerinnen unmittelbar nach der mündlichen Zusage des Bankangestellten unter Dach und Fach gebracht - nur ein Kredit war noch immer nicht in Sichtweite.Das Kreditproblem ist eine große Hürde"Jeder, der einen Traum verwirklichen will, muss eine große Hürde überwinden", glaubt Christina. "Ich sah das Kreditproblem als große Hürde. Das spornte mich noch an. Und auch Verena, die schon kurzzeitig den Glauben an unseren Traum verloren hatte, konnte ich vom Weitermachen überzeugen." Es sollte sich lohnen: Während Verena den Vermietern im alten Zechengebäude vorgaukelte, die Renovierungsarbeiten könnten jeden Moment losgehen, sprach Christina bei der Wirtschaftsförderung der Stadt Oberhausen vor, die dann auch prompt das Land NRW und schließlich die Sparkasse einschaltete. "Wenn Christinas Willensstärke erst mal so richtig angestachelt wird, kann sie Eskimos Kühlschränke verkaufen", ist Verena von der Durchsetzungskraft ihrer Freundin überzeugt.Die Sparkasse hatte den beiden Jungunternehmerinnen zuvor mit der Begründung abgesagt, es sei schwer vorstellbar, dass genug Touristen bereit wären, in Acht-Bett-Zimmern zu übernachten. Von der Oberhausener Wirtschaftsförderung beauftragt, schienen die 50.000 Euro pro Kopf von der Sparkasse und das zur damaligen Zeit einzige EU-geförderte Nachhangdarlehen von 100.000 Euro seitens der Landesregierung aber kein Problem mehr zu sein. Es folgte eine schwierige Geburt von sechs Wochen Bau-, Streich-, Mal- und Putzarbeiten, unzähligen Einkäufen und bürokratischen Formularen, bis "das Baby", wie es die Hostel-Gründerinnen nennen, endlich getauft werden durfte - In Hostel Veritas.Was das Hostel sympathisch macht, ist nicht zuletzt die authentische Art der beiden Geschäftsführerinnen: "Wir können eben auch locker mal sagen: Ey Freundchen, wat hasse da gesacht? Sach dat nomal do. Dat gibbet dogarnich." Die Gäste sollen den Pott fühlen. "Den noch so großen Skeptiker durch kulturelle Ruhrgebiets-Highlights, Geheimtipps und einer gehörigen Portion Ruhrpott-Charme zu bekehren, ist für uns das Größte."Dazu gehört für die beiden Frauen auch, dass ihre acht Mitarbeiter regelmäßig einen Wissenstest zum Ruhrgebiet schreiben. Wer durchfällt, wird auf der Gehaltsskala zurückgestuft: "Das muss sein. Damit die Mitarbeiter begreifen, dass ausgiebige Gästeberatung für uns im Service mit inbegriffen ist", sagen die Ruhrgebiets-Patriotinnen. Service wird groß geschrieben im Hostel Veritas. Das fängt morgens mit Frühstück an: Im hellen, gemütlichen Wintergarten mit eher Hostel-untypischem Tennisclub-Ambiente gibt es für 4,90 Euro ein vielfältiges Buffet, das dem eines Sterne-Hotels in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Von Muttis selbst gekochter Marmelade und "den allerbesten Brötchen der Welt" - wie die Hostel-Frauen hoch und heilig versprechen - könnte sich so manches Sterne-Hotel vielleicht noch was abgucken.
Deutschland ade: Unternehmen verlagern Produktion, Verwaltung und Forschung in alle Welt – weil Schwellenländer wettbewerbsfähiger werden und Manager durch Herkunft und Werdegang so weltoffene wie nüchterne Kalkulierer sind wie keine Generation vor ihnen.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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