Interview mit Timothy Ferriss

"Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben"

Markus Albers
Trotzdem sitzen Sie doch bestimmt schon wieder an neuen Ideen. Ihr Buch hat Sie zum Millionär gemacht - welchen Lebensbereich wollen Sie, nach der Arbeitswelt, als nächsten umstürzen und neu erfinden?Ich möchte den Analphabetismus in den Entwicklungsländern bekämpfen. Und ich würde gerne eine Revolution in Sachen mathematischer und wissenschaftlicher Erziehung starten, vor allem in den USA. Präsident Bush hat unser Land zurück ins Mittelalter geführt, und das ist ekelhaft. Zusammen mit einer Gruppe bekannter Blogger habe ich bereits Projekte für mehr als 15000 amerikanische Schüler mit ins Leben gerufen - mehr dazu kann man auf der Website www.litliberation.org lesen. Außerdem errichten wir Schulen in Nepal, Vietnam oder Indien. Ich möchte auch alternative Bildungseinrichtungen in Ländern wie Afghanistan aufbauen, wo die Kinder sonst in Madrassen, den Koranschulen, zu Terroristen erzogen werden.Ihr Sendungsbewusstsein in allen Ehren, aber haben Sie schon mal überlegt, ob Sie nicht in Wahrheit einen schlechten Einfluss auf junge Leute ausüben, die Ihren Thesen folgen und deshalb keinen klassischen Job annehmen wollen?Das ist doch Unsinn. Warum sollten Menschen denn überhaupt mit einem Nine-to-five-Job ihr Berufsleben anfangen? Schauen Sie sich Bill Gates an, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg von Facebook. Haben sie es etwa falsch gemacht? Natürlich nicht! Es ist wichtig, sich darüber klar zu werden, dass man sich - mal abgesehen von Jura und Naturwissenschaften - seine eigenen Regeln schaffen kann. Das ist eine wichtige Lektion, die man nicht früh genug lernen kann. Ich werbe ja nicht für Trägheit oder Antriebslosigkeit.Sondern?Ich bin dafür, zu lernen, Zeit als Währung zu sehen. Ich bin dafür, Fehler aus Ehrgeiz zu machen, nicht aus Faulheit. Ich bin dafür, zu tun, was einen begeistert. Ich finde, das ist eine Botschaft, die nachfolgende Generationen hören sollten.Trotzdem würde kaum ein Lehrer seinen Schülern ein Buch empfehlen, das dazu auffordert, nur noch vier Stunden pro Woche zu arbeiten.Es ist mir völlig egal, ob mich andere Menschen kritisieren. Es geht nicht darum, wie viele Menschen das Buch nicht mögen, sondern darum, wie viele gute Menschen es verstehen. Und bislang sind einige dieser Guten der Meinung, dass die Botschaften in meinem Buch wichtig sind - von Netscape-Gründer Marc Andreessen über Firefox-Erfinder Blake Ross bis zu Beratern von Al Gore und Jack Welch.Und was halten Sie nun von traditionellen Arbeitsplätzen?Ich glaube, dass der Berufseinstieg in einem klassischen Nine-to-five-Job wertvoll sein kann - vorausgesetzt, man hat gute Mentoren. Andernfalls sollte man diese Art von Berufsleben nicht als zwangsläufig ansehen.Wie haben Ihre Eltern eigentlich gearbeitet?Mein Vater war ein selbstständiger Immobilienmakler und meine Mutter bei der New Yorker Verwaltung im Bereich Gesundheit angestellt. Ich habe also beides kennengelernt: Die Gefahren und Belohnungen des selbstständigen Daseins und wie es ist, in langsam denkenden Organisationen zu arbeiten. Meine Eltern waren nie reich, aber sie haben sich immer sehr bemüht, mir interessante Eindrücke zu verschaffen, sei es im Zoo, am Strand oder auf einer Comic-Messe.Wie hat diese Kindheit Ihre Einstellung zum Thema Arbeit geprägt?Ich habe früh gelernt, dass Erfahrung wertvoll ist, nicht Einkommen auf dem Papier. Und für Erfahrungen braucht man Zeit. Diese Philosophie wurde mir in der High School, auf dem College und bei meinen ersten Jobs in Unternehmen ausgetrieben. Aber seitdem ich in den letzten vier Jahren Menschen aus mehr als 15 Ländern interviewt habe, die es schaffen, Zeit und Einkommen zu haben, bin ich wieder derselben Meinung, die ich schon als Dreijähriger hatte: Einkommen ist nur in dem Maß wertvoll, wie man seine Zeit kontrolliert und es für erstklassige Erfahrungen einsetzen kann. Ich schulde meinen Eltern großen Dank für diese Erkenntnis.Da Sie Herr über Ihre Zeit sind, reisen Sie viel und nutzen dabei auch die finanziellen Vorteile unterschiedlicher Kaufkraft von Währungen. Was sind derzeit Ihre Lieblingsorte?Da fallen mir eine Menge ein: Buenos Aires und Panama - vor allem Coiba - sind großartig, wenn auf der nördlichen Welthalbkugel Winter herrscht. Tokio und Nikko in Japan sind wunderbar im Frühjahr. Ich bin ein großer Fan von Madrid und Berlin im Sommer ...... und Ihr Favorit?San Francisco und die gesamte Bay Area. Dort leben Sie inzwischen auch ...Genau. Man kann am selben Tag surfen und Ski fahren, die Menschen sind freundlich, und es ist eine Gegend, in der große Ideen zählen, nicht große Egos und Angeberautos. Es ist egal, ob Sie einen Frack tragen oder Sandalen, egal ob Sie 20 Jahre alt sind oder 80. Ich war überall auf der Welt, und ich glaube, ich werde nie mehr umziehen. Es ist einfach großartig hier.Der Autor Timothy Ferriss ist Weltenbummler, Tangotänzer, Kickboxer und erfolgreicher Unternehmer:Sein Buch "Die Vier-Stunden-Woche" stand auf Platz eins der New-York-Times-Bestsellerliste, ist in Deutschland bei Econ erschienen und wurde in 26 Sprachen übersetzt. Warum arbeiten wir uns eigentlich zu Tode? Haben wir nichts Besseres zu tun? Und ob! - sagt Timothy Ferriss. Der 31-Jährige war lange Zeit Workaholic, dann aber besann er sich darauf, seinen Arbeitsaufwand zu reduzieren. Seitdem praktiziert er mba -"management by absence", "Führung durch Abwesenheit" - und kratzt damit an einem Tabu. Denn oft gilt: Je mehr Zeit man im Büro verbringt, desto wichtiger ist man. Ferriss dagegen sagt: Jeder sollte und kann sich im Job rar machen - und wird dadurch freier, reicher und glücklicher. Eine Forderung: Lesen Sie Ihre E-Mails nur einmal pro Woche und machen Sie eine Informationsdiät! Outsourcing und Delegieren seien dabei nur der erste Schritt in die persönliche Freiheit. "Tim ist der Indiana Jones des digitalen Zeitalters", sagt der UBS-Banker Albert Pope. "Und Sie können leben wie ein Multimillionär."
Dieser Artikel ist erschienen am 01.05.2008

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