Unternehmensberatung

McKinsey: Zwischen Mythos und Legende

Guido Walter
Vier großformatige Fotos beherrschen den Flur. Arbeitsszenen aus dem VEB Bandstahlkombinat Hermann Matern Eisenhüttenkombinat Ost, DDR 1984. Ein paar Schritte weiter LPG-Kinder beim Rübenziehen. Kinder von Golzow goes McKinsey? Thomas Engel findet die bodenständigen Motive gut. Gegenüber dem Eingang zur Kantine eine Art Mini-Galerie. Von den Fotos lachen die Mitarbeiter von McKinsey in Berlin. "Mackies", frisch von der Uni. Junge, freundliche Gesichter, bei denen es schwer fällt, sie als eiskalte "Cost Cutter" zu verdächtigen. Die Menschen auf den Fotos scheinen gerade alle zu arbeiten. Denn dafür, dass es um die Mittagszeit ist, macht die Kantine einen verwaisten Eindruck. Gerade mal vier Kollegen sitzen beim Essen. Das Mobiliar ist auch hier eher Ikea-like. Die Glastür des Kühlschranks gibt das Innere preis: Wasser, Limo, Powerdrinks und Chilled Food. Das kann man auch gut mitnehmen zu den flexiblen Arbeitsplätzen.Beim Kaffee kommen wir auf die Konsequenzen zu sprechen, die ein Beraterjob mit sich bringen kann. Natürlich hat der Klient die letzte Entscheidung. Aber schläft man noch gut, wenn man ihn in eine Richtung berät, die am Ende Leute den Job kostet? Engel wird nachdenklich. "Ich habe noch keinen Manager kennengelernt, der mit Freude Mitarbeiter entlassen würde. Ein Unternehmen muss schon ein gewaltiges Problem haben, wenn Entlassungen Teil einer Lösung sind." Dass McKinsey schon mal als Symbol herhalten muss wenn es darum geht, den vorgeblich neoliberalen Zeitgeist zu geißeln, tangiert ihn nicht. Er weiß ja, wie es wirklich aussieht. Das umstrittene Theaterstück "McKinsey kommt" von Rolf Hochhuth hat er nie gesehen. Er meint: "Der Vorteil einer starken Marke kann auch zum Nachteil werden, wenn es zu Stereotypen führt." Verändert man sich eigentlich, wenn man für McKinsey arbeitet? Wenn Freunde sagen: Du bist anders, seit du bei McKinsey bist? "Einige sagen, dass ich zielgerichteter wirke", sagt Engel. Ein Freund von ihm hat auch festgestellt, dass Engel neuerdings öfters die gleiche Frage stellt: "Weißt du eigentlich, wie viel das und das kosten kann?" Nein, sein Freundeskreis, den er vor vier Jahren hatte, ist weit gehend der gleiche geblieben.Das Familienleben kommt oft zu kurzEs ist eher das Familienleben, welches unter dem anspruchsvollen Job ein Stück weit leidet. Thomas Engel ist Vater von zwei Jungen im Alter von zweieinhalb Jahren und sechs Monaten. Zurzeit arbeitet er mit seinem Team eineinhalb Flugstunden von Berlin entfernt bei einem Klienten. Von Montag bis Donnerstags ist er vor Ort. Das sind drei Nächte pro Woche, die Engel abends im Hotel verbringt. Ein Stück Einsamkeit, auch wenn seine erste Handlung am Abend der Anruf bei der Familie ist. Am Wochenende entspannt sich Engel auf längeren Fahrradtouren ins Berliner Umland, zum Beispiel in den Fläming. Oder er geht Segeln. Im Urlaub war er zuletzt in Kroatien, im letzten Sommer. Von dort aus hat er zweimal mit dem Diensthandy telefoniert, jeweils eine Viertelstunde, mit einem Klienten. Das musste eben sein. Ihn sorgt, dass er sich aus Zeitgründen zu wenig Gedanken über die Ausbildung seiner Söhne macht. "Natürlich würde ich mich freuen, wenn sie in eine akademische Richtung gehen. Das wichtigste ist aber, dass sie das machen, was ihnen Spaß macht." Demnächst zieht es ihn wieder an den Niederrhein. Die Schwiegereltern haben einen Bauernhof in der Nähe von Dinslaken und locken mit deftiger Kost zum Wochenendbesuch. Schlachtplatte auf dem Bauernhof. Es fällt wirklich schwer sich eine Situation vorzustellen, die mit dem angeblichen McKinsey-Glamour weniger zu tun hat als diese.Thomas Engel wurde 1971 in Dinslaken geboren. Er studierte Elektrotechnik/Kommunikationstechnik an der Universität Duisburg und schloss das Studium als Diplom-Ingenieur mit Auszeichnung ab. Anschließend promovierte er zum Dr.-Ing. an der Technischen Universität Berlin im Fachbereich Physik und schloss wieder mit Auszeichnung ab. Gleichzeitig war er als Doktorand und Postdoc am Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik in Berlin. Sein Thema: Integrierte Schaltungen für die Millimeterwellen-Photonik. Betriebswirtschaftlich bildete sich Engel im Jahr 2003 an der Siemens Business Academy weiter. Bei der Siemens AG arbeitete er als Systemingenieur und Projektleiter im Bereich Mobilfunk. Außerdem war er im internationalen Standardisierungsgremium 3GPP (Mobilfunk der 3. Generation) tätig. 2004 fing er im Berliner Büro von McKinsey & Company als Berater an. Seine derzeitige Position: Engagement Berater. Seine Beratungsschwerpunkte sind die Industrien Telekommunikation und High Tech, besonders die Funktionen Marketing & Sales und Produktentwicklung.Trotz der sich zuspitzenden Wirtschaftskrise laufen die Geschäfte der Unternehmensberater in Deutschland immer noch gut. So gut, dass die großen Unternehmensberatungen auch im Jahr 2008 einen hohen Personalbedarf melden. Nach Angaben des Bundes der Unternehmensberater suchen die Consultant-Firmen bis zu 10000 neue Mitarbeiter. Da sich der immense Bedearf nicht ausschließlich mit Absolventen der Wirtschaftswissenschaften decken lässt, haben auch Studenten anderer Fakultäten eine Chance. Und selbst Bewerber, die bereits Berufserfahrung haben fallen nicht mehr dem Jugendwahn zum Opfer, sondern werden durchaus auch eingestellt. Mitbringen müssen Bewerber Struktur- und Analysefähigkeit und verstärkt auch soziale Kompetenz: "Die Fähigkeit, Dinge zu vermitteln, ein Team zu führen, Leute zum Mitmachen zu begeistern", sagt Roman Friedrich, Geschäftsführer Telekommunikation bei Booz & Co. Weiter sei es wichtig, dass ein Jungberater eine einmal beschlossene Strategie auch umsetzen kann. Die Wirtschaftskrise könnten für die Unternehmensberatungen sogar neue Chancen bringen. Denn schließlich dürfte der schärfere Wettbewerb den Bedarf an kompetenter Beratung weiter steigern.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2008

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