Lobbyisten, die in der Europa-Hauptstadt Brüssel arbeiten, pflegen Kontakte und ziehen im Hintergrund Strippen, um Gesetzesvorhaben zu beeinflussen. Die EU wäre ohne die Interessenvertreter wohl gar nicht arbeitsfähig - dennoch wird der Berufsstand sein Image als Gemeinschaft skrupeloser Einflüsterer nur schwer los.
An den Nachbartischen wird Englisch gesprochen, mit deutschem, französischem und spanischem Akzent. Um Welthandel geht es in der Ecke, um Landwirtschaft am Tisch daneben. Achim Oelgarth bewundert erst einmal das Jugendstilinterieur des "Ancienne Poissonnerie", die geschwungenen Fenster des ehemaligen Fischgeschäfts, das Dekor auf der gekachelten Rückwand.Eingeladen hat der 35-Jährige eine Mitarbeiterin der österreichischen Wirtschaftskammer - er braucht Informationen. Der Mann im Nadelstreifenanzug kommt häufiger in das helle Ecklokal an der Rue du Trône. Seit gut anderthalb Jahren vertritt Oelgarth den Bundesverband Deutscher Banken (BDB) in Brüssel. Und Lunchtermine gehören für einen Lobbyisten zum Arbeitsalltag.Rund 15 000 Interessenvertreter arbeiten in Brüssel, schätzt die EU-Kommission. Unternehmen, Einzel- und Dachverbände sowie Nichtregierungsorganisationen schicken allesamt ihre Mitarbeiter nach Brüssel, um Gesetze in ihrem Sinne zu beeinflussen, Strippen im Hintergrund zu ziehen, Kontakte zu pflegen. Schätzungsweise 80 Prozent aller unternehmensrelevanten Gesetze kommen aus Europas Hauptstadt und werden in Paris, Madrid, Rom oder Berlin nur noch umgesetzt. Rechtzeitig zu erfahren, was geplant ist, und hier die eigenen Interessen zu vertreten, entscheidet häufig über die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Branchen.Die Lobbyisten gehören in Brüssel zum System. Ohne ihr Fachwissen könnten Gesetze für komplexe Sachgebiete gar nicht geschrieben werden. Anders als der Bundestag verfügt das Europäische Parlament über keinen wissenschaftlichen Dienst. Die EU-Kommission, mit ihren 20 000 Beamten gerade mal so groß wie die Stadtverwaltung von Paris, greift ebenfalls gerne auf externe Experten zurück. "Wir sind auf den Input von Lobbyisten angewiesen", sagt die deutsche EU-Beamtin Beate Gminder, eine enge Mitarbeiterin von Vize-Kommissionspräsidentin Margit Wallström.Lobbyist - der Name entstand in den USA, weil die Interessenvertreter dort den politischen Entscheidern in den Vorräumen der Macht auflauerten, den Lobbys. In den USA steht die Einfluss-Branche massiv unter Beschuss. Ein besonders skrupelloser Vertreter, Jack Abramoff, steht wegen Korruption vor Gericht, weil er führende Republikaner im Auftrag von Kasinobetreibern mit Geschenken für zehntausende Dollar überhäuft haben soll. Auch in Brüssel beklagen Kritiker den Einfluss der parteiischen Interessenvertreter. "Der Begriff Lobbyist ist nicht unbelastet", weiß der BDB-Mann Oelgarth um das Image seines Berufsstandes.Ein Fall wie Abramoff ist in Brüssel jedoch schwer vorstellbar. In den USA verfolgen Lobbyisten ein klares Ziel: Kill the bill. In der EU-Zentrale lassen sich Gesetzesvorhaben wegen des ungleich komplexeren politischen Systems nicht einfach kippen, schon gar nicht durch Korruption. Zudem sind hier so viele Lobbyisten unterwegs, dass stets rege Konkurrenz unter ihnen herrscht. Würde einer zu parteiisch auftreten und sich damit durchsetzen, fiele das auf. "Wenn Sie einmal Fehlinformationen verbreiten, können Sie sich in Brüssel abmelden", sagt Kai Gramke, der für das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos eine Studie über Lobbying in Brüssel erstellt hat.Das Wichtigste für Brüsseler Lobbyisten ist deshalb: Möglichst früh von Gesetzesvorhaben erfahren und wissen, wen man zu welchem Zeitpunkt ansprechen muss, um seinen Standpunkt einzubringen und unliebsame Entwicklungen abzuwürgen oder zu mildern. "Man muss das Gras wachsen hören", sagt Oelgarth. Und dann - je nach Intention - Dünger oder Unkrautvernichter beigeben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das vermeintlich süße Leben erzeugt hohen Rechtfertigungsdruck.
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