Bernhard Emunds

Linker Spinner?

Kirsten Ludowig
Wirtschaftsethiker Bernhard Emunds erklärt, wieso schon die Manager von morgen lernen müssen, ihr Handeln zu hinterfragen und warum der Kapitalismus stärker reguliert werden sollte.
Professor Bernhard Emunds sieht keine wirkliche Alternative zum KapitalismusFoto: © Katrin Denkewitz
Herr Professor Emunds, Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich vor der Krise bei Veranstaltungen der Wirtschaft oft als Pausenclown gefühlt haben. Warum? 
Bei Konferenzen wurde häufig ein Ethikteil eingeschoben, der völlig isoliert dastand. Ich habe meinen Vortrag abgeliefert und danach ging die Veranstaltung genauso weiter wie zuvor. Manchmal äußerten Banker oder Manager mir gegenüber auch direkt Kritik. Sie sagten, dass meine Ansichten völlig weltfremd seien. Jetzt, in der Krise, ist jedem klar, wie wichtig das Thema ist.Verschafft Ihnen das Genugtuung? Sagen wir so: Es macht Spaß, nicht mehr als ahnungsloser Gutmensch oder linker Spinner zu gelten.Hätten Sie je vermutet, wie aktuell Ihr Forschungs- und Arbeitsthema werden würde? Ich beschäftige mich mit der Ethik der Finanzmärkte seit Mitte der 90er-Jahre. Da gab es die zweite Mexikokrise, die Asienkrise, und seitdem folgten immer wieder Finanz- und Währungskrisen in peripheren Ländern oder Teilsegmenten der Wertpapiermärkte. Mir wurde klar, welchen enormen Einfluss Veränderungen in der Finanzwirtschaft auf den Rest der Wirtschaft und das Leben der Menschen haben - und dass diese ethisch reflektiert werden müssen. Aber eine Krise solchen Ausmaßes hätte ich nicht erwartet.Wie groß ist die Last, die auf den Schultern der jungen Generation ruhen wird? In der momentanen Situation muss der Staat hohe Schulden aufnehmen, um Konjunkturpakete zu finanzieren und die Banken vor dem Bankrott zu retten. Wenn er das nicht tun würde, wären die Schulden langfristig gesehen noch höher. Das heißt, auch aus der Sicht der Generationengerechtigkeit ist das der richtige Weg.Normalerweise sind Ihre Hörer Theologie-Studenten. Sie geben aber auch Veranstaltungen für die Manager von morgen. Wie sollte deren Selbstverständnis aussehen? Sie müssen einen Mittelweg finden. Und zwar einen, der weder Milton Friedmans "The Business of Business is Business" folgt und sich allein am Shareholder-Value - also am aktuellen Börsenwert der Firma - orientiert, noch die Unternehmen als Agenturen für Weltverbesserung versteht.Aber im Studium lernen angehende BWLer und Ökonomen eine Menge über das unternehmerische Leitbild des Shareholder-Value. Das ist richtig. Aber in den Lehrveranstaltungen mit Wirtschaftsstudenten stelle ich eine hohe Bereitschaft fest, im Studium gelernte Modelle kritisch zu hinterfragen; das ist ein Anfang und Hoffnungsschimmer. Ein Punkt, bei dem ich allerdings auf wenig Gegenliebe - auch bei den Theologie-Studenten - stoße, ist das Plädoyer, dass der Kapitalismus vor allem mit Hilfe des Staates gebändigt werden muss. Mich prägt diese Überzeugung durch und durch, aber die Studenten setzen eher auf die Verantwortung des Einzelnen.Was halten Sie davon, dass einige Business Schools ihre MBA-Studenten in Länder schicken, in denen sie mit ethischen Konflikten in der Wirtschaft konfrontiert werden? Prinzipiell finde ich es gut, wenn Studenten Kontakt mit der Wirklichkeit bekommen und sehen, wo in der Wirtschaft die Probleme liegen. Ob es nötig ist, den Sweatshop vor Ort zu besichtigen, bezweifle ich. Ein Tourismus in Länder, in denen unmoralisches Wirtschaften verbreitet ist, wäre fatal.Aber wie können sie dann lernen, später im Job verantwortlich zu handeln? Um in der Praxis das eigene Handeln und auch wirtschaftliche Institutionen unter Gerechtigkeitsaspekten kritisch hinterfragen zu können, ist es sinnvoll, sich schon im Wirtschaftsstudium mit Ansätzen der Ethik zu beschäftigen. So bekommen die Studenten andere Perspektiven an die Hand. Aber auch die Betrachtung konkreter Fallbeispiele darf nicht fehlen. Was mir wichtig ist: Der Aspekt der Ethik darf nicht einfach an eine unveränderte ökonomische Lehre drangeklatscht werden, nur weil das gerade aktuell ist.

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