Interview mit Claudia Kemfert

"Langstreckenflüge verhageln meine Bilanz"

Michael Detering
Was hat die Branche der erneuerbaren Energien von der neuen Regierung zu erwarten?
Beide Parteien haben sich vor der Wahl für die Förderung der erneuerbaren Energien ausgesprochen, am ErneuerbareEnergien-Gesetz (EEG) wird wohl kaum gerüttelt werden. In der Kritik sind derzeit die hohen Vergütungssätze für Photovoltaik, da die Kosten auf dem Weltmarkt stark gesunken sind. Allerdings sieht das EEG ja vor, die Vergütungssätze nächstes Jahr um zehn Prozent zu senken. Wenn es weiteren Spielraum zur Senkung geben sollte, könnte man dies im EEG aufnehmen.
Vor zwei Jahren sorgte der drohende Klimawandel noch für große Schlagzeilen. Inzwischen reden alle nur noch über die Finanzkrise. Frustriert Sie das?
Nein. Man kann in der Krise auch die Chancen sehen. Die bedeutsamsten Innovationen sind immer aus einer Krise entstanden. Und seit der Finanzkrise muss man nicht mehr erklären, warum der Markt sich nicht immer selbst reguliert. Sowohl im Energiemarkt als auch beim Klimaschutz benötigen wir politische Vorgaben. Wir dürfen nicht warten, bis das System kollabiert.
Beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember soll ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll verabschiedet werden. Wird es ein konkretes Ergebnis geben?
Ich bin recht optimistisch, dass es ein Klimaabkommen geben wird. Ich denke aber nicht, dass drinstehen wird, welches Land wie viel Emissionen wann vermeiden wird - obwohl Europa sich dies wünschen würde. Ich würde es als Durchbruch werten, wenn die Weltnationen sich verbindlich darauf einigen, den Anstieg der globalen Oberflächentemperatur auf zwei Grad Celsius zu begrenzen.
Der Durchschnittsdeutsche emittiert pro Jahr zehn Tonnen Kohlendioxid. Wie schaut es bei Ihnen aus?
Ich komme auf rund sieben Tonnen pro Jahr. Ich vermeide alles, was meine Kohlendioxid-Bilanz belasten würde: Ich esse vegetarisch, kaufe hauptsächlich regionale Bioprodukte, beziehe Ökostrom, habe nur energiesparende Elektrogeräte und wohne in einem gedämmten Haus. Ich fahre kein Auto, sondern benutze täglich mein Fahrrad für den Weg zur S-Bahn. Und ich fahre fast ausschließlich Zug. Aber die Langstreckenflüge verhageln meine Bilanz! Ich neutralisiere diese Emissionen jedoch, indem ich in Klimaschutzprojekte investiere.
Sie haben an vielen Orten geforscht und gelehrt: Oldenburg, Mailand, St. Petersburg, Stanford, Moskau, Siena. Wo ist das Klima akut bedroht?
Zunehmende Wärme und geringe Niederschläge bedrohen Kalifornien, aber auch Italien, wie man an den Waldbränden schon ablesen kann. Auch Oldenburg wird, wenn der Meeresspiegel sehr stark steigt, gefährdet sein. Wir müssen uns darauf vorbereiten.
Haben Sie überhaupt noch ein Privatleben?
Ja, durchaus. Die Wochenenden sind fest für das Privatleben reserviert. Da nehme ich keine Termine wahr, auch wenn das manchmal Tagungsorganisatoren ärgert. Mein Mann und ich entspannen gern in der Natur oder besuchen Kunst- und Architekturausstellungen.
Gibt es auch jenseits der Wissenschaft einen Job, der Sie reizen würde?
Ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftlerin und das wird sich auch nicht ändern. Die Neugier an dem Thema ist letztlich das, was mich treibt.

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