Lebenswandel

Kind statt Karriere

Tina Groll / Zeit.de
Sie teilen sich mit der Mutter Ihres Sohnes die Erziehung. Wie funktioniert das?
Unser Kind ist eine Woche bei mir, dann eine Woche bei ihr. Wir haben genau eine 50-Prozent-Lösung ausgehandelt. Wir wohnen auch nur fünf Minuten von einander entfernt, so dass es sehr gut klappt. Bei mir wohnt unser Sohn mit in der Einzimmerwohnung. Wir führen dann einen richtigen Männerhaushalt. Und bei seiner Mutter hat er sein Kinderzimmer in ihrem Haus. Wir sehen, dass es ihm gut damit geht. Als unsere Beziehung als Paar scheiterte, war klar, dass wir eine sehr gute Lösung für unser Kind finden wollten. In Neuseeland gibt es eine Begleitung der sich trennenden Eltern durch das Familiengericht. Es stellt dem Paar einen Mediator an die Seite. Der hilft dabei, einen gerechten Erziehungsplan zu erstellen, der zum Wohle des Kindes ist. Das ist wirklich eine tolle Institution und wäre sicher ein Modell für Deutschland. Diese Gesprächsbegleitung ist kostenlos.
Wie ist die Kinderbetreuung in Neuseeland geregelt?
Die unterscheidet sich auch grundlegend von dem Modell in Deutschland und ermöglicht es Eltern, in Vollzeit berufstätig zu sein. Die Kindergärten bieten eine Ganztagsbetreuung an. Die meisten Frauen kehren schon etwa zehn bis zwölf Wochen nach der Geburt ihrer Kinder zurück in den Beruf. Kinder können schon in diesem Alter in den Kindergarten kommen. Es gibt Gruppen für Babys bis Zweijährige und Kindergartengruppen für Zwei- bis Fünfjährige. Danach gehen die Kinder ja hier zur Schule. Der Betreuungsschlüssel ist hervorragend: Auf drei Kinder kommt ein Erzieher. Die frühkindliche Förderung in den neuseeländischen Kindergärten ist also viel besser. Ganz kostenlos ist die Betreuung allerdings nicht. Etwa 200 Euro im Monat kostet der Betreuungsplatz. Das ist Geld, das die meisten Familien bezahlen können. Geringverdiener bekommen staatliche Zuschüsse.
Wie hat sich Ihr Karrierebegriff verändert?
Meine Vaterrolle hat alles verändert. In Deutschland habe ich eine ganz klassisches Karriere gelebt. Nach Neuseeland zu gehen, war ein Schnitt. Jetzt habe ich das Gefühl, ich finde mich selbst. Ich bin einfach ausgeglichen. Das überträgt sich auch auf mein Kind. Für mich sind materielle Güter nicht mehr wichtig, Arbeit hingegen schon. Ich denke, ich werde jemand sein, der immer arbeitet. Ich sehe mich nicht als Rentner, der ganz aus dem Beruf ausscheidet. As Freiberufler kann man ja auch selbst entscheiden, wann man in den Ruhestand geht. Ich weiß auch, dass ich mich wieder stärker auf meinen Beruf konzentrieren werde, wenn mich mein Sohn eines Tages verlässt. Möglicherweise kehre ich auch nach Deutschland zurück. Aber ich werde als jemand anderes zurückkommen.
Was würden Sie jungen Männern raten, die zwischen Karrieredruck und dem Wunsch stehen, ein guter Vater sein zu wollen?
Auf sich selbst zu hören, nicht auf die Gesellschaft. Als Mann hat man den Vorteil, auch mit Ende 40 noch Kinder bekommen zu können. Das ist ein Alter, in dem man vieles ausprobiert hat, in dem man auch materielle Sicherheit geschaffen hat. Ich halte es für wichtig, dass sich die gesellschaftlichen Erwartungen an die Männer ändern und dass sich die jungen Väter davon befreien. Es geht nun einmal nicht beides: Man kann nicht eine tolle Karriere hinlegen, extrem viel und hart arbeiten und noch Zeit für die Kinder haben. Man braucht keine großen finanziellen Mittel, um ein Kind zu erziehen. Es geht auch ganz schlicht. Erst, wenn man das seinem Kind vorlebt, erzeugt man eine Generation, die andere Werte zu schätzen weiß.
Zur Person
Der Architekt Jürgen Rausch wanderte mit 48 Jahren nach Neuseeland aus. Hier lebt und arbeitet er als Freiberufler, kümmert sich derzeit aber ausschließlich um seinen Sohn.
(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)Lesen Sie weitere Artikel zum Thema Familie und Beruf:Elternzeit: "Die Väter robben sich langsam heran"Studie: Zeit für die Familie hat Priorität
Dieser Artikel ist erschienen am 16.03.2010

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