Geschäftsidee

Johann Lafer hatte das Erfolgsrezept

Claudia Obmann
Er bespricht mit Pkw-Herstellern, wie sie mit Augmented Reality ein künftiges Automodell in ihre bestehende Fertigungsanlage projizieren und so Optimierungsbedarf kostengünstig entdecken können. Er überzeugt Möbelproduzenten, Kunden bereits online zu zeigen, wie gut sich die neue Couch in ihrem Wohnzimmer macht.Bei seiner Lieblingsbeschäftigung, der Beratung, geht bisweilen doch noch Alts Hang zu Hauruckaktionen mit ihm durch: Als mal die Simulation einer militärischen Übung nötig ist, guckt der Gründer kurzerhand die benachbarte Garchinger Heide für den prototypischen Großkampftag aus. "Einer unserer Werksstudenten, ein Leutnant der Reserve, robbte voll aufgerödelt über die Wiese", erzählt Alt, der selbst seinen Wehrdienst an der luxemburgischen Grenze absolvierte. Keine halbe Stunde später rückten die Umweltschützer zur Verteidigung der im Naturschutzgebiet nistenden Vögel an. "Da haben wir Glück gehabt, es hätten ja auch Nato-Truppen sein können", grinst Alt mit der Lässigkeit des Jever-Mannes aus der Fernsehwerbung.Der wirtschaftliche Befreiungsschlag gelingt den Jungunternehmern im Jahr 2004, als sich das Land Bayern und das Bundesforschungsministerium als Förderer gewinnen lassen. Mit ihren Zuschüssen wird der Patentanwalt finanziert, der den Gründern die aufwändigen Zulassungsprozeduren abnimmt. "Patente selbst zu managen, bedeutet am falschen Ende zu sparen", haben die Gründer festgestellt. So bleibt ihnen mehr Raum für das Wesentliche. Metaio wächst und macht endlich Umsatz.Dann werden die deutschen Trend-Scouts von Microsoft auf Metaio aufmerksam. Die Aufnahme ins MS-Förderprogramm für vielversprechende Start-ups aus der High-Tech-Szene bringt für Marketing und Vertrieb extrem viel Schubkraft. "Der Name Microsoft ist ein Türöffner, wir haben auf einmal viele wertvolle Kontakte bekommen", sagt Alt. Dazu noch kostenlose Manpower und Know-how, um ihre neue Simulationssoftware optimal in die Windows-Welt zu integrieren - was den Vertrieb der Metaio-Produkte zusätzlich beflügelt.Inzwischen hält Metaio 23 Patente rund um AR-Simulationen. Großkunden wie BMW, Bosch, Audi und Siemens nutzen Technologie des bayerischen Start-ups. Außerdem steht die erweiterte Realität made in Germany heute beim Microsoft-Topmanagement auf der Watchlist der fünf wichtigsten neuen Technologien weltweit. "Wir sind wie der Surfer am Strand, wir beobachten Wellen und Himmel, um die nächste Riesen-Technologiewelle nicht zu verpassen", sagt Dan'l Lewin mit wohlwollendem Blick auf Alt, der dem amerikanischen Microsoft-Manager im Silicon Valley neulich seine Firma persönlich vorgestellt hat. Etwa 1000 Start-ups pro Jahr sichten Lewins 40 Trend-Scouts weltweit. Da die Nase vorn zu haben, macht den Deutschen dann doch stolz.Aber nicht nur amerikanische Manager sind auf die bayerische Technologie-Schmiede aufmerksam geworden. Jüngst haben Alt und Meier den Deutschen Internet-Preis des Branchenverbandes Bitkom für ihre fotorealistische Einrichtungsplanungssoftware eingeheimst und dabei rund 300 Mitbewerber aus dem Feld geschlagen.Golfen wegen der Connections hält der sportliche Schwabe dagegen für Zeitverschwendung. Lieber segelt er auf seinem Boot aus den 70er Jahren auf dem Starnberger See. "Das hat eine Kajüte. Da geh ich manchmal schon freitags hin, um mal auszuschlafen." Üblicherweise rackert Alt sechs Tage pro Woche, elf Stunden lang - um vor dem Einschlafen ein letztes Mal seine E-Mails zu checken. "Nach solch einem Arbeitstag hätte ich zu 20 Prozent gern meine Festanstellung zurück, aber in 80 Prozent der Fälle bin ich sauhappy", sagt der junge Chef. Nicht zuletzt, weil sein Laden brummt. Mittlerweile beschäftigt er 32 Mitarbeiter. "Wir suchen Leute wie verrückt", sagt Alt. Gebraucht werden Entwickler sowie Vertriebs- und Marketingprofis. Talenten bietet Chef Alt Turbo-Aufstiegschancen: einen Praktikanten hat er nach dessen Diplom zum 'Director International Business' befördert. Kein Wunder, der FH-Student im zweiten Fachsemester war der erste Betriebswirtschaftler im Team und erkannte das brachliegende Marketingpotenzial des Start-ups. "Er hat professionelle Broschüren statt meiner selbstgebastelten Flyer verlangt und über unsere Homepage geschimpft. Das war damals für mich alles so nebensächlich. Zum Glück hat er mich aber weiter in den Hintern getreten", erzählt Alt.Das Metaio-Team ist jung und duzt sich. Chef 'Dr. T' ist mit seinen 32 Jahren der zweitälteste. Teamgeist schreibt er groß: Aktionen wie Raften auf der Isar sollen seine Leute zusammenschweißen. Auch die Besichtigung des neuen Domizils in einer alten Kaserne am Leonrotplatz geriet für die Metaio-Mannschaft zum Betriebsausflug. Mit 3,50 Meter hohen Decken wirken die Räume im Stadtteil Schwabing wie ein Industrieloft. Im Toilettenraum finden sich sogar noch pedalbetriebene Waschbecken. "Hier gibt's jedenfalls keinen Büromief", schwärmt Alt über die "coole neue Adresse für 'nen schmalen Taler".Denn trotz ihrer hippen Software herrscht von Google-Mania keine Spur bei Metaio - darauf achtet Firmenchef Alt persönlich. Im Gegenteil. Noch immer wird zu zweit im Doppelzimmer übernachtet, wenn die Mitarbeiter zum Beispiel zu Messen reisen. Alts Vater hilft seinem Sohn beim Bau von Hardware-Prototypen wie etwa der BMW-Datenbrille für Fahrzeugreparaturen. Damit bekommen Techniker im entlegendsten Teil der Erde aus jedem Blickwinkel eingeblendet, wie sie einen Motor reparieren können. Und Alts Freundin hat sich mit in die Personalabrechnung der kleinen Firma eingefuchst. Fools, Friends and Family eben. Thomas Alt selbst ist sich aber auch nicht zu fein, mal einen Flug oder einen Mietwagen zu buchen. Das resultiert aus seiner alternativen Chef-Philosophie. "Alles, was man erwartet, dass es andere machen, muss man selbst bereit sein zu tun", sagt er und ergänzt: "Ich habe keinen Controller, sondern eine Excel-Tabelle." Denn: "Wenn man solches Hierarchiedenken bekommt, ist es mit der lockeren Firmenkultur vorbei."Was ihm die Zukunft bringen wird? "2008 ist unser Jahr der Internationalisierung", sagt Alt. In den USA und Asien will er nach bewährter Strategie über Partnerfirmen aktiv werden. Expansionsträume hat er, aber auch ein bisschen Angst vorm Scheitern. Nur in einem ist sich Alt sicher: "Ich werde wieder viel lernen - aber hoffentlich nicht zuviel Lehrgeld bezahlen."
Dieser Artikel ist erschienen am 15.02.2008

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