Naturwissenschaft

Ingenieure an die Macht

Stefanie Hadding
Eine gute Mischung: Naturwissenschaftler in der WirtschaftFoto: © Olivier - Fotolia.com
Und das ist häufig das Problem: "Oft fehlt es gerade analytischen Denkern an Fingerspitzengefühl für Menschen", sagt Burkhard Kemmann und spricht aus eigener Erfahrung. "Meine ersten Tage im Beruf waren furchtbar. Die zwischenmenschliche Komponente im Unternehmen, die Informationen, wer mit wem welche Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht hatte, welche ungeschriebenen Gesetze herrschen, all das war mir völlig fremd. Und mehr noch: Ich fand Fragen wie diese bis dahin unbedeutend."
Claus Biederbick, 35, Dozent und Geschäftsführer der Metaku GmbH mit 30 Mitarbeitern im nordhessischen Breuna, kennt als Wirtschaftsinformatiker die eine wie die andere Seite. Seine Erfahrung: Die Vorurteile über Ingenieure kämen nicht von ungefähr. Viele würden einfach nicht erkennen, dass derjenige, der gehört werden will, sich präsentieren müsse. So manche verschlungene Karriere seiner Kommilitonen und ehemaligen Studenten belege das, erklärt Biederbick und fügt hinzu: "Böse könnte man sagen, die sozialen Kompetenzen, die man auf LAN-Partys erwirbt, sind einfach begrenzt. Und dass bedauerlicherweise kaum Frauen diese Fächer studieren, fördert auch nicht gerade das zwischenmenschliche Feingefühl, das man für einen Managementposten so dringend braucht."Ohne einen Blick über den Tellerrand des eigenen Studienfachs geht es nicht. Ob es ambitionierte Techniker und Forscher in die Führungsetagen schaffen, hängt letztlich davon ab, ob sie nicht nur die betriebswirtschaftlichen, sondern vor allem auch die so genannten Soft Skills entwickeln, die zunehmend erwartet und gefordert werden.
Foto: © Junge Karriere
Und weil sich Disziplin, Höflichkeit, Motivation, sprachliche Kompetenz, Selbstständigkeit und Teamfähigkeit nicht studieren und schon gar nicht kaufen lassen, muss man sie auf andere Art erwerben. "Glück haben Absolventen, die etwa in Familie, Jugendgruppen oder beim Sport soziales Verhalten erlernt haben. Da kann man quasi beiläufig sehr viel über Führung, Motivation und den Umgang mit Menschen erfahren", sagt Personalberater Kemmann.
Wichtig sei aber auch die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen: "Ich habe als Dozent erlebt, wie Ingenieur-Studenten, die zwischen den Fächern Organisatorische Psychologie und Patentrecht wählen konnten, massenhaft Patentrecht vorgezogen haben. Warum? Weil man in der Psychologie lernen muss, mit dem Chaos umzugehen. Das war für viele eine ganz andere Welt, mit der sie nichts anfangen konnten."Biologin Kerstin Scheidt zum Beispiel hat keine Angst vor unbekannten Welten. Die 27-Jährige möchte nach ihrer Promotion am Max-Planck-Institut in Martinsried in die Wirtschaft. Dort soll sich die lange Zeit, die sie in ihre Fachausbildung investiert hat, endlich auszahlen, auch finanziell. Doch das ist, auch mit hervorragenden Noten, gar nicht so einfach. "Wenn wir in unserem verschulten Studium etwas über Führung lernen wollen, dann sind wir ganz auf Eigeninitiative angewiesen. Wer sich in dieser Richtung anderswo weiterbilden will, muss in der Regel einen Teil seiner Vorlesungen und Seminare schwänzen", sagt die junge Forscherin.Eine Chance, auch ihre Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen, erhielt die Münchner Biologin beim Recruiting-Workshop "Naturwissenschaftler sind die besseren Manager", den das Beratungsunternehmen BCG regelmäßig veranstaltet, um neue Talente außerhalb der üblichen Beraterfächer BWL und Jura zu finden. Der Einblick in die fremde Sphäre der Berater hat die Fachfrau für hybride neuroelektronische Systeme in ihren Karriereplänen bestätigt. Um ihre Soft Skills macht sich Kerstin Scheidt keine Sorgen. Diese trainierte die Doktorandin unter anderem als Öffentlichkeitsbeauftragte ihrer Forschungsabteilung, für die sie unter anderem Events organisierte und Kontakte zu den Medien herstellte. "Das zwang mich, mit ganz verschiedenen Menschen verständlich und trotzdem kompetent und überzeugend über unsere Arbeit zu sprechen."Für alle Naturwissenschaftler und Ingenieure, deren soziale Kompetenz weniger trainiert und noch nicht ganz reif für die Welt des Managements ist, hat Dozent und Geschäftsführer Claus Biederbick trotzdem ein Trostpflaster parat: "Ein genialer Kopf hat nicht selten auch Humor und Geist - und mit diesen Eigenschaften ausgestattet, darf man auch ein bisschen schrullig daherkommen."
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2008

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