Oliver Hochedez

"In Haiti betreiben wir Nothilfe"

Tina Groll / Zeit.de
Wie gehen die Retter mit der psychischen Belastung um?
In diesem Fall haben wir niemanden dabei, der seinen ersten Katastropheneinsatz hat. Die Einsatzleiter haben langjährige Erfahrung, sie wissen die Situation einzuschätzen. Sollte doch ein Retter feststellen, dass er der Situation nicht gewachsen ist, kann er den Einsatz jederzeit abbrechen. Einen Abbruch hat es bislang aber nur einmal gegeben, aber nicht wegen der psychischen Belastung, sondern wegen einer Grippe. Außerdem werden unsere Leute psychologisch betreut. Vor dem Einsatz und auch lange Zeit danach, wenn sie dies wollen. Das THW hat Einsatznachsorgeteams aufgestellt, die sich um Einsatzkräfte, die aus einem Nothilfeeinsatz kommen, kümmern. Manche stecken die Bilder, die man bei einer solchen Katastrophe sieht, leicht weg, bei anderen kommen sie immer wieder hoch. Darum ist die intensive Nachbetreuung sehr wichtig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man hat eine Theorie, wie es vor Ort sein wird, dann kommt man an und sieht wirklich, wie es ist. Und plötzlich tritt ein Mechanismus ein: Man arbeitet sehr konzentriert und schaltet einfach ab. Man sieht nur noch die Hilfe, die man leistet.
Wo waren Sie im Einsatz?
Im Kosovo, während des Libanonkrieges 2006 und nach dem Tsunami in Indonesien. Dort habe ich zweieinhalb Jahre lang gearbeitet und beim Wiederaufbau geholfen.
Wussten Sie von Anfang an, dass Sie zweieinhalb Jahre im Ausland leben würden? Wie lange dauern die Einsätze denn gewöhnlich?
Das THW hat verschieden lange Einsätze. Jetzt in Haiti handelt es sich um die Nothilfe, darauf sind wir spezialisiert. In der Regel dauert die Nothilfe einige Wochen, kann sich aber auch verlängern. Dann gibt es eine Übergangsphase und schließlich kommt die Wiederaufbauphase. In Indonesien haben wir Schulen gebaut und uns um die Wasserversorgung gekümmert. Das war eine interessante Zeit.
Hat diese lange Zeit des Wiederaufbaus nach dem Tsunami Ihnen geholfen, mit den schrecklichen Bildern zurechtzukommen?
Ein Bild werde ich nicht vergessen: Als die Wasserversorgung eines Dorfes wiederhergestellt war, rannten die Kinder zur Wasserstelle und haben vor Freude unter dem Wasser getanzt. Da weiß man, weswegen man da ist.
Oliver Hochedez ist Publizist und arbeitet im Leitungsstab des Technischen Hilfswerks in Bonn.(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)
Dieser Artikel ist erschienen am 15.01.2010

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