Porträt

In Deutschland fest verankert

Astrid Oldekop
Mit dem Zug nach DeutschlandFoto: © privat
Weidong Xu ist eine glänzende Schülerin, doch Auszeichnungen erhält sie nicht. Denn diese richten sich auch nach der politischen Gesinnung und Sportlichkeit. "Aus chinesischer Sicht bin ich eine Individualistin, denn ich hatte meinen eigenen Kopf und habe nicht immer gemacht, was Eltern und Lehrer sagten. Deshalb habe ich China ziemlich früh verlassen."
Ein Onkel mit kurzer Gastprofessur in Bochum verhilft Xu 1989 zum Deutschland-Visum. Da zieht gerade die Demokratiebewegung durch die Straßen. Nur einmal ist Xu dabei, doch die Familie fischt sie unter Tausenden heraus. Es folgen Wochen des Hausarrests: "Du darfst nicht riskieren, deinen Pass zu verlieren", warnt die Mutter, stellt das Telefon ab und lässt nicht einmal den Freund zur Tochter.Was am 4. Juni 1989 in Peking passiert, wissen die Menschen in Schanghai nicht. Die Mutter befürchtet eine zweite Kulturrevolution. Auch die Nachrichten aus der restlichen sozialistischen Welt dringen nicht durch nach Schanghai. Als Xu Ende Oktober in den Zug nach Berlin steigt, hat sie ein mulmiges Gefühl: "Ich wusste nicht, was mit dem Land und mit mir persönlich passieren würde. In dieser politischen und persönlichen Ungewissheit habe ich mich fast so gefühlt wie ein Soldat, der in den Krieg zieht."Deutsch spricht sie kaum, 900 US-Dollar - das gesamte Familienvermögen, das Erbe der Großmutter eingerechnet - und ein paar Telefonnummern hat sie dabei.Ausgerechnet in der Nacht des Mauerfalls kommt sie in Berlin an. In der gesamten Welt herrscht Aufbruchstimmung. "Das war für mich eine lustige Aktion", erinnert sich Xu an den Morgen, an dem sie Mauerstücke als Souvenir einsteckte. "Was das für den Sozialismus bedeutete, habe ich damals überhaupt nicht begriffen."Nach einem Monat zieht sie nach Bochum, wo sie ein Studienkolleg besucht. Sie zieht in fünf Monaten sieben Mal um, jobbt als Putzhilfe und in Restaurants. 1991 schreibt sie sich für Chemie- und Verfahrenstechnik ein. Als Hilfswissenschaftlerin lernt sie ihren aus Nordchina stammenden Mann kennen, der heute Professor für Verkehrswesen der Ruhr-Universität ist. 1994 heiraten sie, 1996 wird ihr Sohn geboren. Da ist sie 26 und mitten im Studium.Zwei Jahre später kommt die Diplom-Ingenieurin als Trainee zu Continental und bleibt drei Jahre in Hannover. Axel Metge, Leiter der Transporterreifen-Entwicklung erinnert sich an das Vorstellungsgespräch: "Sie konnte genau erklären, warum gerade sie diesen Job haben sollte." Obwohl Xu Berufsanfängerin und ihr Deutsch noch nicht perfekt ist, vertraut Metge ihr den Premiumkunden DaimlerChrysler an. Xu soll die Reifen der beim Elchtest durchgefallenen Mercedes-A-Klasse sicherer machen. Es ist eine Steilvorlage, die Xu mit Bravour meistert.Sie sucht im Kollegium nach dem Wir-Gefühl"Sie ist sehr zielstrebig, aber braucht den Erfolg nicht um des Erfolgs willen", sagt Metge. "Sie räumt Probleme im Vorfeld aus dem Weg. Sie baut keine Kanten auf, an denen sich die Leute reiben können."Drei Jahre lang führt Xu eine Pendelehe. Als der Sohn in die Schule kommt, zieht sie zurück ins Ruhrgebiet, steigt 2001 bei Gea als Sales- und Projektmanagerin ein. 2007 wird sie Geschäftsführerin."Der Erfolg des Unternehmens geht für sie über alles", beschreibt sie ihr Chef Jörg Jeliniewski. "Sie nimmt sowohl den Erfolg als auch den Misserfolg persönlich." Verhandlungen mit Kollegen bereiten ihr schlaflose Nächte, erzählt Xu. Letztendlich suche sie - ganz chinesisch - stets nach diesem familiären Wir-Gefühl mit den Kollegen. "Vielleicht bin ich deshalb so erfolgreich, weil ich jeden Job gerne mache und mit Herz und Seele dabei bin", vermutet sie."Wenn es mir eines Morgens schwer fallen sollte, ins Büro zu kommen, höre ich auf." Doch danach sieht es überhaupt nicht aus: Durch die Gea-Umstrukturierung hat Weidong Xu an Visibilität gewonnen. Ihr Chef Jeliniewski steht der größten der fünf Gea-Sparten vor und sagt einen Satz, der eher in das China passt, das Xu vor 20 Jahren verlassen hat, als in den krisengeschüttelten deutschen Maschinenbau: "Wir hoffen sehr, dass Frau Xu bis zur Rente bei uns bleibt."Vita
Weidong Xu wird am 22. Juni 1970 in Schanghai, mitten in der Kulturrevolution, als einzige Tochter einer Lehrerfamilie geboren. Das begabte Mädchen muss mehrmals die Schule wechseln und überspringt trotzdem eine Klasse. Bereits mit 17 studiert sie Chemie in Schanghai.
Die Demokratiebewegung 1989 sieht die Familie voller Skepsis. Sie befürchtet eine zweite Kulturrevolution. Ein Onkel verhilft Xu zu einem Deutschland-Visum.In der Nacht des Mauerfalls kommt Xu mit der Transsibirischen Eisenbahn in Berlin an. In Bochum besucht sie das Studienkolleg. In Dortmund studiert sie ab 1991 Chemie- und Verfahrenstechnik und lernt ihren aus China stammenden Mann kennen. 1996 wird ihr Sohn Mike Kai geboren.Als Trainee kommt sie 1998 zu Continental nach Hannover, wo sie anschließend in der Reifenentwicklung bleibt.2001 heuert Xu bei Gea an. Drei Jahre später wird sie Abteilungsleiterin Business Development der Gea-Tochter Luftkühler, deren Geschäftsführerin sie 2007 wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.03.2010

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