Stefan Behnisch

"In der Politik wird Architektur als Infrastruktur gesehen"

Sascha Rullkötter
Wie entwerfen Sie? 
Ich glaube nicht an die Genie-Skizze, aber vielleicht bin ich auch so ungläubig, weil es mir noch nie gelungen ist, eine solche zu Papier zu bringen. Unser Büro funktioniert anders, unsere Entwürfe entstehen in der Diskussion mit den Mitarbeitern anhand von Skizzen und Arbeitsmodellen.
Um die Wettbewerbschancen zu erhöhen, fordert man seit langem, die Studienzeiten zu verkürzen. Macht das Ihrer Auffassung nach Sinn? 
Sie sprechen mit jemandem, der zwölf Jahre studiert hat! Ich bin kein Freund von geregelten und kürzeren Studienzeiten, ich meine, es ist nicht die Aufgabe der Universitäten Fleisch für den Markt zu produzieren. Ausbildung und Lernen sind Teil der menschlichen Selbstverwirklichung. Sie sind bewusstseinsprägend, Teil unseres Seins. Das klingt vielleicht altmodisch, ist meiner Auffassung nach aber richtig. Oft sind die besten Mitarbeiter in unserem Büro diejenigen, die gewisse Brüche in ihrem Lebenslauf haben. Das Studium in Rekordzeit abzuschließen, fördert nicht die kreativen Fähigkeiten.
Sie haben schon viele große und bekannte Projekte realisiert, gibt es eine Bauaufgabe von der Sie noch träumen? 
Die eine große Bauaufgabe, von der ich träume, gibt es nicht. Mir persönlich ist ein guter Bauherr wichtiger als eine herausragende Bauaufgabe. Ich würde aber gerne noch etwas in New York bauen. Das ist eine Stadt, in der jeder Architekt einmal gebaut haben will.
Ihr Vater war Architekt, sie sind Architekt, ihre Frau ist Architektin - werden Ihre beiden Söhne die Familientradition fortführen? 
Wer weiß? Ich hoffe, sie machen das, was richtig für sie ist. Ich will sie zu nichts zwingen. Im Moment sind die wichtigsten Themen meiner Söhne, sie sind 15 und 17 Jahre alt, noch Fahrrad, Mädels und Moped, vielleicht nicht unbedingt immer in dieser Reihenfolge.
Stefan Behnisch1957 in Stuttgart geboren, war ihm die Architektur in die Wiege gelegt. Sein Vater Günther Behnisch erlangte mit dem Bau des Olympiageländes in München weltweite Bekanntheit und gehört zu den bedeutendsten Architekten Deutschlands. Stefan Behnisch studierte zunächst Philosophie und Volkswirtschaftslehre. Anschließend entschied er sich, doch in die Fußstapfen des Vaters zu treten und schrieb sich zum Architekturstudium in Karlsruhe ein.Nach seinem Diplom im Jahr 1987 arbeitete er erst im Büro seines Vaters und gründete zwei Jahre später eine eigene Niederlassung in Stuttgart. Im Jahr 1991 machte das Büro sich unter dem Namen Behnisch Architekten selbstständig. Das Büro beschäftigt zurzeit 120 Mitarbeiter an den Standorten Stuttgart, Los Angeles und Boston. Zu Stefan Behnischs bekanntesten Bauten zählen die Norddeutsche Landesbank in Hannover und die Zentrale des Biotech-Unternehmens Genzym in Cambridge, Massachusetts. Im April feierte der Marco-Polo-Tower in der Hamburger Hafencity sein Richtfest.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.04.2009

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