Interview mit Dirk Notheis

"In der Politik mehr gelernt als an der Uni"

Tanja Kewes
Wenn es ums Geschäft geht, helfen Sie auch dem politischen Gegner. Sie haben die österreichische Gewerkschaftsbank Bawag verkauft und so den Österreichischen Gewerkschaftsbund vor der Pleite bewahrt. Jetzt sind Sie sogar Ehrengewerkschafter. Wie verträgt sich das mit ihrem Job und Ihrem Parteibuch?
Es ging damals um viel mehr als um den Verkauf einer Bank, es ging um die Rettung einer gesellschaftlichen Säule. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir es geschafft haben, diese für das Gleichgewicht in unserer Gesellschaft so wichtige Institution zu retten. Das sage ich auch Leuten, die Ressentiments gegen Gewerkschaften pflegen.
Die Bundestagswahl ist eine Zäsur, da viele erfahrene Abgeordnete nicht mehr antreten oder den Wiedereinzug nicht schaffen werden. Gibt es genügend junge politische Talente, die uns in Zukunft gut regieren werden?
 Es gibt in allen Parteien mehr Talente als sichtbar sind. Ob und wer durchkommt, ist von so vielen Zufällen abhängig. Eine politische Laufbahn ist ja nicht so planbar wie eine Karriere in der Wirtschaft. Bei Morgan Stanley etwa haben wir ein klares Aufstiegssystem. Das geht step by step. Sie sind so und so viele Jahre Analyst, dann Associate, Senior Vice President, Executive Director, Managing Director und irgendwann werden Sie dann Vorstand oder eben auch nicht. Politik hat irrationale vertikale Mobilitätsmechanismen. Das heißt, es kann nicht nur sehr schnell rauf oder auch wieder runter gehen, sondern auch aus unerfindlichen Gründen. Die Fallhöhe ist auch viel ausgeprägter. In der Wirtschaft findet sich fast immer - es sei denn, sie klauen die silbernen Kaffeelöffel - eine Anschlussbeschäftigung. In der Politik können sie nach einem Lapsus, wie einer falschen Geste oder einem unangebrachten Foto, beruflich am Ende sein. 
Was unterscheidet die Politiker, die unter 35 sind, von Ihren Vorgängern? Sind Sie pragmatischer, weniger ideologisch?
Der eine oder andere Jungpolitiker kommt vielleicht etwas kühler, professioneller, robotriger rüber. Das liegt aber vor allem daran, dass die Komplexität der Politik mit der Globalisierung schnell und stark zugenommen hat. Die Anforderungen an die professionelle Organisation eines Abgeordnetenlebens sind damit erheblich gestiegen; zumal die Ressourcen wie die Anzahl an wissenschaftlichen Mitarbeitern gleich geblieben sind. Der Phänotyp des Politikers ist auch immer ein Abbild des Politikbetriebs.
Und weniger ideologisch - stimmt das auch, und wenn ja, woher kommt das?
 Scheuklappen sind heute weniger denn je angebracht. Die Farbenlehre ist in der Politik ein redundantes Moment. Das zeigt die Globalisierung seit Jahren und die Krise seit Monaten wieder ganz stark.
Was ist Ihre Traumkoalition? 
Ich gehe davon aus, dass es eine bürgerliche Koalition, also schwarz-gelb, geben wird. Weite Teile der deutschen Wirtschaft haben meines Erachtens eine Präferenz für schwarz-gelb. Damit will ich aber nicht sagen, dass die große Koalition einen schlechten Job gemacht hat. Ganz im Gegenteil. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Außenminister Frank-Walter Steinmeier sind - und das sage ich auch als CDU-Mann - brillante Köpfe, die einen exzellenten Job für die Bürger gemacht haben.
Hand aufs Herz: Was ist für Sie in diesem Sommer spannender? Die Finanzkrise und ihre Folgen - oder die Bundestagswahl? 
International die Finanzkrise, national die Bundestagswahl. Der Ausgang der Bundestagswahl hat einen psychologischen Effekt, der nicht zu unterschätzen ist. Für unser Bankgeschäft ist es jedoch relevanter, wie sich die Weltwirtschaft weiter entwickelt.
Zur PersonAls Dirk Notheis das erste Mal politisch aktiv wird, ist er erst zwölf Jahre und klebt 1980 für die CDU Plakate. Später tritt er der Jungen Union bei und wird ihr Vorsitzender in Baden-Württemberg. Mit 32 Jahren legt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler dieses Amt nieder. Sechs Jahre später, 2005 zieht er doch nochmal für die Union in den Wahlkampf. Er lässt seinen Job bei der Investmentbank Morgan Stanley ruhen, bezieht in der CDU-Parteizentrale ein eigenes Büro und sammelt Spenden. Der Sommerjob bringt ihm Ärger ein. Kritiker monieren, dass seine Wahlkampfhilfe "Geschmäckle" habe, weil sich Morgan Stanley um Aufträge der Bundesregierung und von Bundesunternehmen bemüht, wie etwa den Börsengang der Deutschen Bahn. Notheis ist darüber so enttäuscht, dass er über diese Zeit in Interviews bis heute nicht spricht. Seine Konsequenz: In diesem Wahlkampf spielt er keine aktive Rolle. Seit Februar 2009 ist Notheis Deutschlandchef von Morgan Stanley.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2009

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