Hoher Norden

Hamburg: Die Perle im Norden

M. Roos, J. Hackhausen, mse
1915 kam Martin Chens Großvater auf einem Schiff der Norddeutschen Lloyd nach Hamburg gereist. Bei den deutschen Reedereien waren die Chinesen sehr willkommen, denn billigere Arbeitskräfte konnten sie kaum bekommen. Sie ließen sich am Elbufer nieder. Im Hafenviertel machten sie Läden, Gaststätten oder Wäschereien auf, so dass in den 20er Jahren rund um Reeperbahn und Schmuckstraße ein lebendiges Chinesenviertel entstand. Für die Verstorbenen gab es seit 1929 den ersten chinesischen Friedhof. Auch das Grab des Großvaters Chen Chi Ling befindet sich dort.Im Dritten Reich wurden die Chinesen von den Nazis vertrieben. Nach 1945 kam Martin Chens Vater jedoch zurück, holte später seine Familie nach. So auch seinen Sohn. Der war damals 13 Jahre alt. Heute ist er 59 und spricht natürlich fließend hamburgisch. Wie auch sein Sohn Benjamin, 24, der an der Uni Hamburg Jura studiert.Der Job: Chinesische Seeleute an Schiffseigner  vermittelnIm Büro von Martin Chen schellt das Telefon. Der Mann am anderen Ende der Leitung fragt, ob Chen ihm gute Seeleute besorgen könne. Zwölf Mann für die Wäscherei des Kreuzfahrtschiffs Aida - kein Problem für Chen, er hat viele Kontakte. Und es ist schließlich sein Job, chinesische Seeleute an Schiffseigner zu vermitteln. Von der Provision kann er gut leben. "Crewing" nennt man diese Dienstleistung in der internationalen Schifffahrt. An der Wand von Chens Büro hängen noch die Bilder von Frachtern, auf denen der studierte Schiffsingenieur einst selbst zur See gefahren ist.Seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO im Dezember 2001 hat Chen viel Gesellschaft bekommen. Chinesische Geschäftsleute nutzen die Handelsmetropole wegen ihrer zentralen Lage in Europa. Kommt ein Schiff im Hafen an, wird die Ladung auf dem Festland gleich weiter verteilt. Davon profitiert die Hansestadt: Die Lieferungen aus China kurbeln wiederum den Handel mit Osteuropa an, so dass Hamburg nach Rotterdam jetzt zum größten europäischen Hafen aufgestiegen ist. Außerdem schaffen die Chinesen Arbeitsplätze. "Wir gehen davon aus, dass etwa 1.500 Menschen bei chinesischen Unternehmen beschäftigt sind", sagt Jens Aßmann von der Hamburger Handelskammer. Die größten Arbeitgeber sind die Logistik-Konzerne Cosco mit etwa 180 Mitarbeitern und China Shipping mit 120. Die meisten Betriebe sind aber klein und kommen mit drei oder weniger Mitarbeitern aus.Ein kleines Nebengeschäft unterhält auch Chen. In seinem chinesischen Seemannsheim lässt er Matrosen wohnen, solange diese auf Landgang sind. Das Heim bietet Platz für 20 Mann. Wenn noch mehr kommen, räumt der Hausherr schon mal sein Büro und legt Matratzen aus. Für zwölf Euro pro Tag bekommen seine Gäste Kost und Logis, können sich die Zeit vor dem Fernseher oder mit einem Buch aus der chinesischen Bibliothek vertreiben. Ab und an, wenn die Neuankömmlinge aus Fernost mit den deutschen Beamten überfordert sind, hilft Chen auch beim Behördengang.Aus erzieherischen Gründen ist das Seemannsheim in einem schmucken Stadthaus im bürgerlichen Stadtteil Eppendorf untergebracht - weitab von Hafen, Huren und Halunken. "Darauf hat mein Vater geachtet, als er das chinesische Seemannsheim gründete", sagt Chen. "Die Matrosen sollten nicht gleich ihre Heuer in der Kneipe durchbringen."Es gibt einen chinesischen Kindergarten und vier private SonntagsschulenDie Hamburger Exil-Chinesen haben gleich mehrere Vereine gegründet: so die Chinesisch-Deutsche Gesellschaft, den Ostasiatischen Verein oder den Chinesischen Verein von Martin Chen. Es gibt einen chinesischen Kindergarten und vier private Sonntagsschulen. Hier werden die Söhne und Töchter der chinesischen Geschäftsleute in der Muttersprache unterrichtet. Sie lernen zum Beispiel, dass Hamburg auf Chinesisch "Hanabo" heißt, was wörtlich übersetzt "Burg der Chinesen" bedeutet. An der Universität Hamburg ist das älteste und größte deutsche Institut für Sinologie beheimatet. Am Klinikum in Eppendorf ist kürzlich ein Zentrum für traditionelle chinesische Medizin eingerichtet worden. Und schließlich: Chinesen haben in der Stadt rund 200 China-Restaurants aufgemacht.Auch im alteingesessenen "Sagebiels Fährhaus" wird chinesische Küche serviert. Das Fährhaus ist eines der beliebtesten Ausflugslokale in den teuren Hamburger Elbvororten. Von der Terrasse kann man die voll beladenen Containerriesen aus dem Reich der Mitte vorbeischippern sehen. Auch der Eigentümer des "Sagebiels" genießt diesen Blick. Er heißt Michael und ist Martin Chens älterer Bruder.Dass sich seit Großvater Chens Ankunft vor knapp 100 Jahren die Hamburger Chinesen nicht nur gut assimiliert haben, sondern auch von den Hamburgern voll akzeptiert sind, lässt sich wohl kaum besser ablesen als auf dem Friedhof Ohlsdorf. Während der Gedenkstein auf dem Friedhof von 1929 "an die in Hamburg verstorbenen chinesischen Seeleute" erinnerte, ist die Inschrift heute auf dem neuen Friedhof den "chinesischen Mitbürgern" gewidmet.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2007

Der jobturbo: eine suche - alle jobs

Themen im Überblick

Werden Sie eine Fair Company

Allgemeinbildung

Jetzt Neu: Die besten Vertriebsjobs

Die besten Trainee-Stellen

Karriere-Städteranking

Jobsuche + Bewerbung

Wer verdient wieviel?

Newsletter bestellen

Berufsreport