Wirtschaft

Gesucht: Quereinsteiger mit Fachwissen

S. Kammler, S. Hergert
Christina Bersick belegte BWL-Kurse neben ihrem Sinologie-StudiumFoto: © Quirin Leppert
Christina Bersick
Christina Bersick, 38, wollte "etwas Bodenständiges" lernen, bevor sie Sinologie studiert. Also machte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau und ging anschließend zur Uni. Dass sie neben ihrem Hauptfach BWL-Kurse belegte, war anfangs nur das Resultat einer praktischen Überlegung: Sie wollte die Grundkenntnisse aus ihrer Ausbildung vertiefen. Zwischenzeitlich studierte Bersick in China und absolvierte in Schanghai ein Praktikum im Vertrieb des Elektroherstellers Bosch, wo sie auch ihre Abschlussarbeit schrieb. Zurück in Deutschland bewarb sie sich für das Vorstandsassistentenprogramm der Allianz. Sie wollte gerne in einem großen Unternehmen arbeiten und hatte zwar keine Erfahrung auf dem Gebiet der Finanzdienstleistungen, war aber neugierig, es kennenzulernen.
Ziel des Programms ist es, neue Mitarbeiter mit Auslands- und Berufserfahrung zu finden. All das konnte Christina Bersick bieten - und wurde genommen. Heute ist sie Leiterin des Personalmarketings und Recruitings der Allianz Beratung & Vertrieb. Hilfreich sind ihr dabei nicht nur die BWL-Kenntnisse, sondern auch das Methodenwissen aus dem Sinologie-Studium. Außerdem, so sagt sie, könne sie schnell von einem Thema auf das nächste umschalten, sich zügig in neue Aufgaben einarbeiten und sei offen für Neues. Die Erfahrungen, die sie während ihres Aufenthalts in China gemacht hat, machen sie zudem "recht entspannt in stressigen Situationen". Damals musste sie etwa mit eingefrorenen Wasserleitungen kämpfen. Dass diese Form der Konfliktbewältigung später mal nützlich sein könnte, hat sie vermutlich nicht geahnt.Philip Rigley
Nach dem Abitur wollte Philip Rigley, 32, Fahrzeugtechnik studieren. Doch er entschied sich dagegen. Das sei ihm zu speziell gewesen, sagt der 32-Jährige. "Ich wollte den Gesamtzusammenhang begreifen." Also schrieb er sich an der Uni Oldenburg für Politik und Soziologie mit dem Schwerpunkt Umwelt ein. Als er 2002 sein Studium abschloss, wollte er dennoch in die Autobranche. Und hat es schließlich auch geschafft - als Quereinsteiger bei Audi. Beim Autobauer arbeitet der Sozialwissenschaftler heute in der Entwicklungsabteilung für die Bedienkonzepte. Schalter für die Sitze oder Spiegel - was sich in einem Fahrzeug verstellen und bewegen lässt, liegt in seiner Verantwortung. Dabei betrachtet er das Bedienkonzept aus der Sicht seiner Kunden. Sitzt ein Schalter logisch richtig? Ist er leicht zu finden? Lässt er sich intuitiv bedienen? Mit solchen Fragen setzt er sich auseinander.
Um Lösungen zu finden, arbeitet Rigley eng mit dem Design- und Ergonomie-Team zusammen. In seinem Team musste sich der Exot nicht stärker durchsetzen als Kollegen, die ein Ingenieurstudium hinter sich haben. "Meine Kollegen und ich werden innerhalb der Entwicklungsmannschaft sowieso im Positiven als Querdenker wahrgenommen", sagt er. Von allein hätten die Leute gar nicht gemerkt, dass er kein Ingenieur ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Studienfach bei seinem Job eher in den Hintergrund tritt. Philip Rigley kümmert sich um die Konzeptentwicklung, den Großteil der technischen Umsetzungen übernehmen die Zulieferer. "Wichtig ist die Verbindung von Soft Skills und einem breiten technischen Wissen", sagt er. Und das war für seine Anstellung auch notwendig. Ohne technisches Verständnis wäre es "nicht möglich gewesen", sagt Rigley.BWL-SeminareDie AKAD Privat-Hochschulen bieten verschiedene Fachlehrgänge und einen Fernkurs an, die zwischen drei und fünf Monaten dauern. Bei dem E-learning-Programm "BWL für Geisteswissenschaftler" der BEGA Tools und Training in Kooperation mit der Universität Augsburg, können Interessierte zwischen einem Grundkurs oder Expertenkursen von jeweils drei oder fünf Monaten wählen. Das Modul "Economics" an der Wissenschaftlichen Hochschule Lahr kann jederzeit begonnen werden. Das Fernstudium dauert vier Monate. Das Institut für Wirtschaftswissenschaftliche Forschung und Weiterbildung (IWW) an der Fernuni Hagen bietet den "Intensivkurs BWL und betriebliches Management". Das Programm beginnt zweimal jährlich und dauert neun Monate.Interview mit Jens Hohensee: "Schnöder Mammon ist kein Teufelswerk"
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2008

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