Gesellschaft

Gestatten: Die neue Elite Deutschlands

Astrid Dörner, Kirsten Ludowig
Der entscheidende SchlagAnpacken und kämpfen - das hatte Lanz schon früh beim Sport gelernt. Als 12-jähriges Mädchen kam sie in den Golf-Club, später spielte sie in der deutschen Nationalmannschaft. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie bei der Damen-Europameisterschaft 1998 den alles entscheidenden Schlag gegen die Mannschaft aus Holland machen musste. Ihr war klar: "Wenn der gut wird, haben wir eine Medaille. Wenn nicht, dann ist alles vorbei." Sie hielt dem Druck stand. Das Team gewann Bronze.Zu ihren Aufgaben bei Lehman Brothers zählten Übernahmen von Unternehmen aus der Medienbranche. Die Vorliebe für Finanzen, Film und Fernsehen hatte sie von ihrem Vater, einem langjährigen Finanzvorstand von Pro-Sieben-Sat1. Aber schon nach einem Jahr bei der amerikanischen Investmentbank mit Sitz in New York merkte die engagierte Finanzjongleurin, dass ihr etwas fehlt: die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. "Im Investmentbanking kann man die eigenen Ideen kaum ausleben. Die Hierarchien sind klar, es dauert lange bis man etwas zu sagen hat", sagt Lanz.Im Sommer 2007 schließlich hadert sie mit sich, wägt immer wieder ab, ob sie alles bei Lehman Brothers aufgeben soll. Dann zieht sie die Konsequenz: Sie schmeißt hin und entscheidet sich für ein kleines Unternehmen in Köln. Der innere Antrieb, nicht weiter in der Masse mitschwimmen zu wollen, war stärker. "Ich hätte nicht aufgehört, wenn ich nicht so ehrgeizig wäre", sagt Lanz. Im Vorstand bei Qualimedic.com, einem fachärztlichen Beratungsportal im Internet, verantwortet sie jetzt neben ihrem Schwerpunkt Finanzen auch das Personal, das Marketing und die IT - und hat genug Raum, um sich zu entfalten.Ungleiche Bildungschancen?Kürzlich entdeckte Lanz auf dem Titel einer Zeitschrift eine Frau, die es geschafft hat, Partnerin bei einer großen Unternehmensberatung zu werden. "Was für eine tolle Frau", dachte sie im ersten Moment. Und obwohl sie noch immer alle Möglichkeiten hat, wusste sie auch: "Ich will nicht tauschen." Wer das Glück hat, durch die Eltern inspiriert und gefördert zu werden, ist im Vorteil. Denn Geld spielt gerade in Deutschland beim Zugang zu Bildung immer noch eine große Rolle. Auch Julia Friedrichs kritisiert in ihrem Buch "Gestatten: Elite", dass "dreißig Prozent der Kinder von Anfang an beiseite gepackt werden" und wegen ihrer Herkunft kaum Zugang zu hochwertigen Bildungsangeboten haben. Friedrichs fordert Privatschulbedingungen für alle Kinder, damit sie nicht schon im Kindergarten benachteiligt werden, wo, in einigen Fällen, bereits die erste Selektion stattfindet. "Wir haben nur das Recht, später mit Leistungstests die Elite auszuwählen, wenn sichergestellt wird, dass auch jeder an so einem Wettbewerb teilnehmen kann", fordert sie.Bis das in Deutschland der Fall ist, ist es noch ein weiter Weg. An manchen Stellen zeichnet sich jedoch schon ein Umdenken ab. "Elitäre Kreise schotten sich zwar gern ab, bekommen dadurch aber nicht immer die Besten als Mitglieder", sagt Malte Herwig. Der Autor des Buches "Eliten in einer egalitären Welt" sieht gute Chancen, dass sich diese Kreise künftig stärker öffnen werden. Denn nur so könnten sie neue Ideen zulassen und ihre herausragende Stellung in der Gesellschaft auch weiterhin legitimieren. Und sie würden wieder näher an die Menschen rücken, die sie später eventuell einmal führen sollen.Die Bewerbungsmail des damaligen WHU-Studenten wird Kommilitonen zufolge heute immer noch gelegentlich herumgezeigt - allerdings nur zur Belustigung und zur Abschreckung. An der WHU jedenfalls ist zu Wahlkampfzeiten nie wieder etwasVergleichbares aufgetaucht.Weitere Artikel zum Thema:Interview mit Julia Friedrichs: "Privatschul-Bedingungen für alle"Hochbegabte: Zu schnell für die Welt? (Handelsblatt macht Schule) NetzwerkeAtlantik-Brücke
Der gemeinnützige Verein fördert Kontakte zwischen Deutschen und Amerikanern. Ausgewählt werden 25 bis 30 "Young Leaders" pro Jahr, die hochrangige Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien treffen. 
www.atlantik-bruecke.org
BMW-Stiftung Herbert Quandt
Die Stiftung wirbt mit dem "Transatlantik Forum", bei dem die Teilnehmer über politische und wirtschaftliche Themen diskutieren und mit den rund 300 Ehemaligen Kontakte knüpfen können. Eine Empfehlung kann den Zugang erleichtern, es sind jedoch auch Initiativ-Bewerbung möglich. 
www.bmw-stiftung.de
Think Tank 30
Die 30 Mitglieder treffen sich regelmäßig und diskutieren Zukunftsfragen zu den Themen Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie verfassen Arbeitspapiere, organisieren Vortragsreihen und Gesprächsforen. Gegründet wurde der Think Tank von Andreas Barthelmess (29) in Anlehnung an den Club of Rome. 
www.tt30.de
Tönissteiner Kreis
Der Gesprächskreis von Führungskräften aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik wählt zweimal pro Jahr bis zu 25 neue Mitglieder aus. Aufnahmebedingungen sind ein überragender Hochschulabschluss sowie zwei Jahre Auslandsaufenthalt in zwei verschiedenen Sprachräumen.
www.toenissteiner-kreis.de
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2008

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