Gesellschaft

Gestatten: Die neue Elite Deutschlands

Astrid Dörner, Kirsten Ludowig
Ein weiteres Beispiel für die jungen Anpacker und Vorreiter von heute ist Andreas Barthelmess. Eine Ernüchterung an der Uni brachte ihn dazu, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Als er nach dem Abitur und einer anschließenden Weltreise sein Volkswirtschafts- und Politikstudium in Hamburg begann, wollte er mit Studenten aus anderen Fachbereichen diskutieren. Doch statt angeregtem Austausch bestand der Uni-Alltag vor allem aus Zuhören, Aufschreiben und Auswendiglernen. Damit wollte er sich nicht zufrieden geben und dachte sich: "Wenn es das, was ich suche, nicht gibt, dann muss ich es gründen."Wenige Monate später rief der heute 29-Jährige den Think Tank 30 ins Leben - ein Netzwerk von 30 jungen Leuten, die regelmäßig gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Zukunftsfragen diskutieren. Daraus leiten sie dann Empfehlungen für die Politik ab, zum Beispiel zum Start der Föderalismusreform II Ende 2006. Barthelmess' Vorschlag, die 16 Bundesländer auf sechs einzudampfen, löste eine kontroverse Debatte im Bund aus. Das Vorbild für den Think Tank 30 ist die Organisation Club of Rome, die seit den siebziger Jahren Studien zu Zukunfts- und Nachhaltigkeitsthemen veröffentlicht.Gefragte IdeenJedes Jahr sucht Barthelmess neue, geeignete Mitglieder aus, er trifft eine "Auswahl der Besten aus verschiedenen Bereichen". Elite also, aber die Aufnahmekriterien seien transparent, rechtfertigt er die Ziele. "Wir kommunizieren ganz genau, nach welchen Kriterien wir Mitglieder für den TT30 aussuchen. Dann ist diese Form der Auswahl auch völlig in Ordnung." Ihre Ideen, so viel ist sicher, sind gefragt. In einem Land, das immer stärker auf Innovationen statt auf industrielle Produktion setzt, gelten sie als die Vordenker und Lenker von morgen. "Es ist allgemein anerkannt, dass Eliten Orientierung geben und die Wertvorstellungen der Gesellschaft weiterentwickeln sollen", sagt Andreas Möhlenkamp, Sprecher des Berliner Elitezirkels Tönissteiner Kreis.Dazu gehört auch der Blick über den - deutschen - Tellerrand, wie bei Dennis Hoenig-Ohnsorg von Ashoka. Die Arbeit des Absolventen der European School of Business in Reutlingen ist geprägt von einem Austauschjahr in Bolivien. Er ging für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in die Anden. Weil das Unternehmen drei Jugendzentren nicht mehr unterstützen konnte, übernahm er sie und gründete zur Finanzierung zunächst einen Verein in Deutschland und später eine Stiftung in Bolivien, die die Zentren von Spenden unabhängig machen soll.Heute fördert der 26-Jährige bei Ashoka Jugendliche, die sich in Teams zusammen finden und sich in irgend einer Form für die Gesellschaft engagieren wollen. Ein kleines Rad in einem Konzern zu sein, kann er sich nur schwer vorstellen: "Ich habe in Bolivien gesehen, wie viel man erreichen kann. Auf diesen Mehrwert möchte ich nicht mehr verzichten."Auch die Hochschulen haben erkannt, dass sich die Entscheider von morgen sozialen und ethischen Themen professionell nähern müssen. Die Uni Heidelberg bietet ab dem Wintersemester einen Master of Non Profit Management and Governance an, die private Zeppelin University in Friedrichshafen will einen Lehrstuhl für Social Entrepreneurship aufbauen und das Thema zu einem Schwerpunkt der Wirtschaftswissenschaften machen. Die ebenfalls private European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel hat Philosophie-Professoren berufen, die mit den Studenten an realen Fällen ethisches Verhalten diskutieren. "Es ist wichtig, dass wir junge Leute darauf vorbereiten, nicht nur das eigene Portmonee zu optimieren, sondern auch für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen", sagt der Rektor der EBS, Christopher Jahns.Hochschulabsolventen als Lehrer auf ZeitDas sieht auch Kaija Landsberg so. Die Absolventin der Hertie School of Governance untersuchte in ihrer Masterarbeit die Chancengerechtigkeit von Schulen in sozialen Brennpunkten und stieß dabei auf die Organisationen "Teach for America" und "Teach First" in Großbritannien. Diese lassen talentierte Hochschulabsolventen als Lehrer auf Zeit in sozial schwachen Vierteln unterrichten, bevor sie Karriere in der Wirtschaft machen. Schulbesuche in New York und London überzeugten die 29-Jährige von der Idee: "Ich habe gesehen, wie Absolventen von guten Unis die Kinder anspornen, ihre Noten zu verbessern", sagt Landsberg.Davon war sie so begeistert, dass sie nach ihrer Rückkehr mit einem Kommilitonen Teach First Deutschland gründete und im Herbst 2009 die ersten Lehrer an deutsche Schulen bringen will. Zur Zeit werben sie und ihr neun Mitarbeiter großes Team bei Studenten, Unternehmen und Stiftungen für das Projekt und stimmen sich mit den Bundesländern ab. "Wir wollen fachlich und persönlich die Besten bekommen. Und das werden wir auch schaffen", sagt Landsberg. Der Ehrgeiz hat sie längst gepackt. Eigentlich wollte sie sich ein Jahr Auszeit gönnen, und schauen, ob sich Teach First in Deutschland wirklich anschieben lässt. Doch ein gutes Jahr vor dem Start ist sie voller Enthusiasmus, will ihr Projekt unbedingt zum Laufen bringen. "Ich habe hier viele Dinge einfach selbst in der Hand und kann wirklich etwas erreichen. Das treibt mich an."Entscheidungen selbst zu treffen, statt nur ein kleines Rad im großen Getriebe zu sein - dieses Bedürfnis bringt viele engagierte junge Leute dazu, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Oder in kleinen, innovativen Firmen zu arbeiten. Das Bedürfnis hatte auch Andrea Lanz. Die 27-jährige Diplom-Kauffrau fing nach dem Studium in Paris, London und Berlin als Investmentbankerin bei Lehman Brothers in London an. Sie wollte sich in der Männerdomäne behaupten und verbrachte dafür viele Nächte im Büro.Interview mit Julia Friedrichs: "Privatschul-Bedingungen für alle"

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