Ortswechsel

"Genf ist eine kleine Weltmetropole"

Michael Detering
Sven SteinbronnSven Steinbronn fährt manchmal zum Wochenendeinkauf in ein anderes Land. Günstige Discounter wie Aldi oder Lidl gibt es in Genf nicht, der nächste Lidl befindet sich 15 Kilometer entfernt in Frankreich. "Wenn man für die ganze Familie einkauft, lohnt sich der Weg auf jeden Fall", sagt der Vater zweier Kinder.Seit vier Jahren wohnt Steinbronn in Genf, einer der teuersten Städte der Welt. Restaurantbesuche, Wohnung, Einkauf - überall musste sich der gebürtige Schwabe erst an die hohen Preise gewöhnen. Steinbronn arbeitet als Chirurg in der Notfallaufnahme des Universitätsspitals. Viele deutsche Ärzte wandern in die Schweiz aus, weil sie sich ein höheres Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen erhoffen. Die Wünsche erfüllen sich aber kaum, ist Steinbronns Erfahrung. Trotzdem hat er den Umzug nicht bereut.Die Mieten im Zentrum sind kaum zu bezahlenSteinbronn zog in die 190000-Einwohner-Stadt, weil es seine Frau beruflich hierhin verschlug. 12000 Franken bekommt er monatlich brutto. Das sind rund 8000 Euro. Doch davon gehen noch Steuern, Abgaben und die hohen Kosten für Wohnung und Kinderbetreuung runter. Da Wohnungen in der Genfer Innenstadt unerschwinglich sind, lebt Steinbronn in der Nachbargemeinde Lancy. Für seine 120-Quadratmeter-Wohnung zahlt der 43-Jährige immer noch 4000 Franken. Besonders schwierig gestaltete sich die Suche nach einer Kinderkrippe. "Die Situation bei der Kinderbetreuung ist noch schlechter als in Deutschland", klagt Steinbronn. Er zahlt für einen der raren Plätze nun jährlich 10000 Franken pro Kind.Trotz Einwanderung besteht weiterhin Ärztemangel. "Die Schweizer brauchen die ausländischen Ärzte, ansonsten könnten sie ihre Kliniken dichtmachen", berichtet Steinbronn. Für ihn bedeutet das viel Arbeit. Mit Bereitschaftsdiensten kommt er - wie in Deutschland - auf wöchentlich 50 bis 80 Stunden. Trotzdem fühlt er sich in Genf wohl. Die Stadt sei zwischen See und Bergen traumhaft gelegen, die Altstadt habe mediterranes Flair, sein Arbeitsplatz sei spannend. Genf ist eine Stadt der Schönen und Reichen, im Spital werden Prominente aus aller Welt behandelt. Sind arabische Herrscher in Behandlung, würde schon mal ein ganzer Flur für die Verwandten und Untertanen reserviert. "Hier stehen manchmal fünf Staatskarossen vor dem Eingang", sagt Steinbronn.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2009

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