Porträt

Gegenentwurf zur Altherren-Vorstandsriege

Stefani Hergert
Ihre Folien sind so gradlinig wie die Rednerin. Keine Rahmen, Schnörkel, oder überfrachtete Seiten. Stattdessen weißer Grund, ihr Name, das Datum, wenige Stichworte zu dem, was sie gerade erzählt. Und private Einblicke. Auf der Folie mit dem Titel "Kernteam", die der Beamer an die Wand wirft, versucht sie die Stimmung in dem Unternehmen während der anstrengenden Vorbereitung der Reise in Worte zu fassen. Ein Bild reicht: Drei Kinder auf dem Rücksitz eines Familienvans. Sie schlafen, sichtlich erschöpft, die Wangen gerötet. Lachen geht durch die wenigen Reihen, entwaffnend offen sagt Karboul: "Meine Tochter, Nichte und Neffe, nach einem schönen Tag am Meer."Amel Karboul hat kein Problem damit, ihr Privates nach Außen zu tragen. "Ich finde es Schwachsinn, als Karrierefrau seine Kinder zu verstecken. Meine zwei Töchter sind eine riesige Lernquelle, ich bin auch hochschwanger zu einem Dax-Vorstand gegangen und habe ein Akquisegespräch durchgezogen." Zu Beginn hat sie die Älteste sogar zu ihren Beratungsterminen mitgenommen. Wenn die Kleine gestillt werden musste, machten sie halt eine Pause. Für deutsche Manager undenkbar.Karboul glaubt, dass ihr Background in Deutschland mehr Hindernis, als Vorteil ist. "Sowohl Vorteil, als auch Nachteil", sagt Gustav Seehusen, der mit ihr und anderen Beratern das Programm International Business Coaching aufgezogen hat. "Viele reifere, männliche Führungskräfte schätzen genau das an ihr und nehmen es an."Zurück in Bonn. Es ist noch genug Zeit, doch die Seminarleiterin mahnt zur Eile. Karboul drückt den Rücken durch, stellt sich vor die Gruppe. "Wer will das genauer hören, Hand hoch." Etliche schnellen nach oben. Sie macht weiter. Nicht reden, handeln. Sie wird schnell ungeduldig, wirkt leicht genervt, wenn es nicht so geht, wie sie will.Karboul, aufgewachsen in einem fünfsprachigen Haushalt, arbeitet mit internationalen Managern, wandelt ständig zwischen den Welten. Seehusen kennt ihre vielen Gesichter: "Im Deutschen fühlt sie sich manchmal eingeengt" Wenn sie im internationalen Umfeld arbeiteten und Karboul Englisch spreche, sei sie viel gelöster, lockerer und lache mehr, sagt er. Im Deutschen käme mehr Tiefgang durch. "Sie arbeitet äußerst wissenschaftlich und analytisch, nicht zuletzt auch wegen des Ingenieurstudiums", sagt Eva Nell, die ebenfalls selbstständige Beraterin ist.Deutschland statt USADas Ingenieurstudium in Deutschland - es war der Türöffner in eine neue Welt. Geboren wurde sie in Tunis, als Tochter eines politischen Beamten. Nach dem Abitur will sie 1991 in den Westen gehen. Für die USA gibt es kein Visum, es ist Golfkrieg. Also wird es Deutschland - zunächst ein Schock. "Als ich am ersten Tag den Vorlesungssaal betrat, saßen da 450 Männer. Die haben mich angestarrt, als käme ich vom Mond", sagt Karboul. Auf diesen Schock hatte niemand sie vorbereitet. Nicht die Broschüren, nicht der DAAD, nicht die Eltern. "Niemand hat mir gesagt, dass in Deutschland nur Männer ein Ingenieurstudium machen." Aber Karboul macht, was sie kann: Sie kämpft. Das Studium macht ihr Spaß.Nach dem Diplom in Karlsruhe steigt sie bei Daimler als Trainee ein. Und merkt, wie verkrustet die Strukturen in deutschen Großkonzernen damals sind. "Ausländische Trainees hatten es schwerer, danach ein Jobangebot im Unternehmen zu bekommen", sagt Karboul. Sie bekommt dennoch eines, bleibt sechs Jahre, geht dann in die Beratung, zunächst zur Boston Consulting Group, dann als geschäftsführende Gesellschafterin zur Berater- und Forschergruppe Neuwaldegg nach Wien.Dass sie nicht als Ingenieurin arbeiten will, weiß sie schon im Traineeprogramm. "Zwei Jahre lang die Hinterachse eines Lkws zu konstruieren, finde ich überhaupt nicht spannend. Anspruchsvoll, aber monoton", sagt sie.

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