Selbstständigkeit

Freiberufler auf dem Vormarsch

K. Fritz, J. Honsell, L. Patt
Mittlerweile hat Auster sechs Ordner voll mit Arbeitsproben. Mit dem Sortieren kommt er nicht hinterher. Braucht er auch gar nicht: "Wenn mich der Sportchef einer Zeitung nicht kennt, schicke ich ihm den Link zu meiner Homepage", sagt der 36-Jährige. Mittlerweile arbeitet Kay Auster an ein, zwei Tagen pro Woche in der Kommunikationsabteilung eines Unternehmens - für eine Tagespauschale, für die er früher viele Hundert Zeilen schreiben musste. Der Job macht einen guten Teil seines Gehalts aus. Damit ist für ihn Level zwei erreicht. "Heute bin ich überzeugter Freier." Nicht nur weil feste Stellen meist schlechter bezahlt sind. Früher arbeitete Auster auch mal 60 oder 70 Stunden die Woche. Den Spaß an der Arbeit hat er darüber nicht verloren. Neben dem Tagesgeschäft macht es Auster weiterhin Spaß, eine Geschichte bei Spiegel Online zu veröffentlichen oder Ottmar Hitzfeld zu interviewen. Seine Frau Lara ist Germanistin, hilft ihm bei der Buchhaltung und ist sein persönliches Lektorat. "Ohne diesen Rückhalt wäre mein Weg nie möglich gewesen." Eine langfristige Lebensplanung ist aber weiter schwierig: "Wer weiß schon, wo mein Job mich nächstes Jahr hinführt? Ich bin immer noch rastlos." Zeit für das nächste Level.Nina Randel, Sommelière
Jahrelang hatte sich Nina Randel nicht mehr so richtig entspannt. Dann plante sie 2006 einen Segelurlaub mit Freunden - und hatte an Bord das typische Aha-Erlebnis einer Freiberuflerin: Der Urlaub unter griechischer Sonne entpuppte sich für Workaholic Randel als eine Art Isolationshaft. Erst recht, als ihr Laptop null Striche beim UMTS-Empfang anzeigte. "Aber ich muss arbeiten", beharrte sie. "Du bist doch krank", antworteten ihre Reisegefährten. "Da ist mir klar geworden, dass ich nicht mehr abschalten konnte, dass ich etwas ändern muss", sagt Randel heute.
Die 29-Jährige verwendet häufig solche Sätze: Es musste sich etwas ändern, es muss da noch mehr geben. Aus so einem Gefühl heraus hatte sie vor zwei Jahren ihre gut gehende Weinhandlung verkauft und war freie Sommelière geworden. Ihre Idee: Kurse über Wein für jedermann anzubieten. Ihr Startkapital: das Geld aus dem Verkauf des Ladens, ihr großes Wissen über Weine und viel Verve. "Da draußen ist die Welt des Weins, da ist was los, da will ich hin", entgegnete sie Freunden, die ihr fassungslos den Vogel zeigten. Es begann ein hartes erstes Jahr. Dabei machte sie viel richtig: Steuer und Buchhaltung übertrug sie gleich zu Beginn Profis. Ein Grafiker bastelte ihre Website; sie ließ professionelle Fotos machen. Das Wichtigste aber musste sie selbst erledigen: bekannt werden, sich einen Namen machen. Randel bietet nicht nur Privatleuten, sondern auch Weinhändlern Kurse an. "Das können wir selbst", hörte sie von denen am Anfang oft. Die Weine für die gehobeneren Kurse sind teuer, das Geld aus dem Laden ging irgendwann zur Neige. Einmal setzte eine OP sie für zwei Wochen außer Gefecht. Als sie noch ihren Laden hatte, wäre einfach jemand eingesprungen. In ihrem ersten Jahr als Freiberuflerin wollte Nina Randel zu viel alleine regeln. "Ich kam selten raus, auch aus mir selbst." Draußen blieben auch die Bekannten, die Freunde, deren Lob und Kritik so wichtig sind."Es war falsch sich abzukapseln. Man kommt nicht auf neue Ideen", hat Nina Randel inzwischen erkannt. An den Wochenenden studiert sie für das Diplom einer renommierten Weinfachschule, arbeitet 60 Stunden und mehr. Wie hält sie durch? "Wenn man weiß, wofür man es macht ..." Jetzt, in ihrem zweiten Jahr als Freiberuflerin, ist Erntezeit. Die diplomierte Sommelière hält Seminare in ganz Deutschland. Weinhändler und große Firmen buchen sie. Die Auftragslage ist gut. Sie arbeitet jetzt kaum weniger, aber anders: nicht immer bis zum Äußersten, nicht immer allein. Und der Laptop bleibt auch öfter mal zu Hause.Markus Koske, IT-Berater
Die Festanstellung ist nicht vom Tisch Markus Koske verlor seinen Job, weil die Branche am Boden lag. Es war 2003, auf dem Höhepunkt der Internet-Krise. Bis dahin hatte der studierte Betriebswirt nach verschiedenen Jobs zuletzt als Personalvermittler für IT-Unternehmen gearbeitet - bis es nicht mehr viel zu vermitteln gab. Betriebsbedingte Kündigung, noch ein paar Monate bis zum Ende des Arbeitsvertrages. Und jetzt? "Mach dich selbstständig", riet ihm seine Freundin, "ich trau dir das zu." Markus Koske hatte Zweifel. Welche Chancen gab es? Was konnte er anbieten? Seine Freundin beharrte. Koske kann gut mit Menschen umgehen, und er ist gut in Akquise. Fähigkeiten, die der krisengeschüttelte IT-Markt dringend brauchte, wie sich schnell herausstellte.
Koske hatte Glück - und das nötige Können. Gleich zu Beginn seiner Selbstständigkeit bekam er einen längerfristigen Auftrag. Ein gleitender Übergang, kein tiefer Fall ins harte erste Freiberufler-Jahr. Er gewann Kunden am Telefon, und er war gut darin. Dass der Start trotzdem nicht leicht war, lag nicht an der Auftragslage. Die neue Rolle als eigener Chef war ungewohnt. "Anfangs war ich im Kopf nicht frei. Ich dachte, eine Festanstellung ist das Nonplusultra." Wegen der Sicherheit, des Netzes, das einen auffängt. Diese berufliche Sicherheit hat sich der 39-Jährige inzwischen erarbeitet. Irgendwann musste er nicht mehr auf Fachmessen für sich werben; die Auftraggeber riefen von selbst an. Vor einem Jahr kam eine Beratungsfirma dazu, für die er jetzt ein großes Softwarehaus bei der Zusammenarbeit mit ausländischen Softwarefirmen berät.Heute mag er, was er tut. Er schätzt die Freiheit, reist viel und sieht stets neue Gesichter. Koske kennt aber auch die Nachteile: Langfristige Projekte sind für Freie selten. Wichtige Fortbildungen muss er selber finanzieren. Dafür opfert er seine Wochenenden, Zeit, die andere mit ihrer Familie verbringen. Freundschaften zu pflegen wird zu einem Stück Arbeit. Koske, der aus einer Zwangssituation heraus Freiberufler wurde und sich durchkämpfte, weiß um den Luxus der freien Wahl: "Es ist sicher leichter, sich in einer Hochkonjunktur selbstständig zu machen." Etwas Mut und einen guten Plan brauche man, sagt er, und vor allem Freunde, die einen beraten und bestärken.Und was bringt die Zukunft? Koske sagt: "Die Festanstellung ist nicht vom Tisch." Aber mittlerweile ist es ihm nicht mehr so wichtig, in welchem Arbeitsverhältnis er steht. In der wechselhaften IT-Welt kann jeder schnell auf der Straße stehen. Auch darin ist der Sektor eine Zukunftsbranche. Koske ist gewappnet.Infos1. Was ist noch mal ein ...?...Freiberufler, freier Mitarbeiter, Selbstständiger, Gewerbetreibender: Die Begriffe werden gerne durcheinandergeworfen. Selbstständig sind alle, die ihr eigener Chef sind, also Unternehmer, Gewerbetreibende oder Freiberufler. Ob man als freier Mitarbeiter bei einem Unternehmen arbeitet, sagt noch nichts darüber aus, ob man Freiberufler ist. Das wiederum sind steuerrechtlich zunächst alle, die in so genannten Katalogberufen arbeiten. Dazu gehören Heilberufe, rechts-, steuer- und wirtschaftsberatende Berufe, technische und naturwissenschaftliche Berufe sowie informationsvermittelnde und Kulturberufe. Die Liste ist schon etwas älter; seitdem sind einige Berufe dazugekommen, bei denen im Einzelfall entschieden wird, ob sie als "Katalogberufen ähnliche Tätigkeiten" gelten. Ob man sich dazurechnen darf, erfragt man am besten bei Existenzgründungsberatern, bevor das Finanzamt die Einstufung vornimmt. 

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