Selbstständigkeit

Freiberufler auf dem Vormarsch

K. Fritz, J. Honsell, L. Patt
Weg vom Chef: Der Sprung in die SelbstständigkeitFoto: © vision images - Fotolia.com
Frei, aber nicht alleine
"Ohne die ginge es gar nicht mehr", sagt die 32-Jährige, die seit sieben Jahren selbstständig ist. "Nur durch die fremde Hilfe kann ich mich voll und ganz auf die Beratung konzentrieren." Aktuell sucht sie erneut nach Mitarbeitern. Sie braucht noch mehr Luft, denn Anfang Mai kam ihr Kind zur Welt. Di Stefanos Beispiel belegt im Kleinen einen großen Trend: Freiberufler werden als wirtschaftlicher Faktor immer wichtiger. So hat sich die Zahl der Selbstständigen in freien Berufen seit 1992 fast verdoppelt und ist seit 2006 um weitere 5,3 Prozent gestiegen. Freiberufler und ihre Angestellten machen nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums rund zehn Prozent aller Erwerbstätigen aus und erwirtschaften einen ebenso großen Anteil des Bruttoinlandsproduktes. Doch der Sektor ist im Umbruch: "Die Entwicklung wird dahin gehen, dass viele Freiberufler zukünftig verstärkt kooperieren müssen", erklärt Willi Oberlander. "Viele Nachfrager wollen zukünftig Dienstleistungen aus einer Hand. Da muss es zwangsläufig zu Kooperationen kommen, wenn auch zeitlich begrenzt."Gut vernetzte, über die Branchen hinweg verzahnte Kooperationen sind bislang jedoch selten; das Einzelkämpfertum überwiegt. Auch IT-Berater Stefan Preishuber ist nach wie vor Solist. "In meinem Arbeitsbereich ist es gar nicht möglich, mit anderen zu kooperieren", ist er überzeugt. Dass er nun, nach zwei Jahren als eigener Chef, besser verdient als vorher und sich dabei auch noch besser fühlt, verdankt er seinen richtigen beruflichen Prioritäten - und zu guten Teilen auch den Kontakten in der Branche. "Das Allerwichtigste", findet Preishuber, "ist das richtige Netzwerk." Leute kennenlernen, Kontakte pflegen, sich im Gespräch entsprechend darstellen können - Networking heißt das Wunderwort, das aus dem guten alten Vitamin B hervorging. Tatsächlich, auch da sind sich die Experten einig, ist das Netzwerken tragender Baustein einer erfolgreichen Selbstständigkeit, wenngleich nicht der einzige. "Das Wichtigste sind die Marktfähigkeit der Idee, ein guter Businessplan und entsprechendes Marketing. Darunter fällt auch das Networking, der ständige Informations- und Leistungsaustausch", erläutert Willi Oberlander. Auch wenn Business-Foren im Internet wie Xing oft eher als Freunde-Fundgrube herhalten, sollte man diesen Teil der Verkaufsförderung ernst nehmen.Und was macht die Konkurrenz? Nicht nur für das aktuelle Geschäft, auch schon in der Vorbereitung sind gute Kontakte Geld wert. Erst Anfang Juli hat Rechtsanwalt Alexander Wieczorek, 35, mit seinen zwei Partnern eine Kanzlei im westfälischen Hagen eröffnet. Die Geschäfte von "Dzellak, Wieczorek, Papadopoulos - Partnergesellschaft" laufen nach den ersten Wochen präsentabel, "das hat unsere Erwartungen übertroffen". Ihr guter Start basiert dabei nicht auf purem Gründerglück, sondern zu guten Teilen auch auf den Tipps ihres Netzwerks, ihrer befreundeten Kollegen. Diese Freunde mahnten zuallererst eine eingehende Erhebung des zukünftigen Standortes an. Also begannen die drei Junganwälte damit, intensiv die Konkurrenzsituation in den größten Städten des Ruhrgebiets zu recherchieren. Die Wahl fiel schließlich auf Hagen. "Ob eine derartig gute Vorbereitung üblich ist, weiß ich nicht", sagt Wieczorek. "Sie ist aber auf jeden Fall vernünftig."Guter Rat ist vor allem am Anfang das lohnendste Investment. Doch wo beginnen? Das Feld an Beratungsmöglichkeiten und Fördergeldern für zukünftige Gründer ist selbst für Experten kaum noch zu überblicken. Vom staatlichen Beratungs-zuschuss über lukrative Gründerwettbewerbe bis hin zu zinsgünstigen Darlehen reicht die Liste der Möglichkeiten. Grundsätzlich gilt: Es gibt für alle Problemfälle Hilfe. Man muss nur wissen wo. Doch angehende Freiberufler sollten vermeiden, sich in der Suche zu verlieren. "Viele lassen sich von Vorurteilen und falschen Auskünften leiten", warnt Gründungsberater Andreas Lutz. "Es gibt aber auch viele, die sich zu sehr informieren und dann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen."Stefan Preishubers Projekt läuft noch bis zum Jahresende, mit Option auf Verlängerung. "Das liegt ganz an mir", sagt der IT-Berater, "man muss aber aufpassen, dass man nicht rostig wird." Beschäftigungsmangel muss er wohl kaum fürchten: IT-Spezialisten wie er werden immer begehrter. Laut einer aktuellen Studie des Personaldienstleisters Hays zum Einsatz externer Mitarbeiter arbeiten in nahezu jedem dritten IT-Unternehmen mehr als 20 Prozent flexible - also freie - Arbeitskräfte, darunter viele in leitender Position. Preishuber genießt die Situation, "nicht mehr nur ein kleines Rädchen zu sein". In seinem ersten Job als Angestellter bei einer Unternehmensberatung wurde er aus seiner bayerischen Heimat nach Dortmund versetzt. Das soll ihm nicht noch einmal passieren - und wenn er dafür ähnlich lang wie früher arbeiten muss. "Heute kann ich es darauf anlegen, in München zu bleiben." Auch das ein Vorteil, der mit Geld schwer zu kaufen ist. Drei Porträts von FreiberuflernKay Auster, Sportjournalist
Auf dem Weg zur Vorlesung bog er links ab. Geradeaus war der Weg zum Hörsaal, VWL stand auf dem Stundenplan. Und links, im Sekretariat der Universität Wuppertal, exmatrikulierte er sich. Eine fixe Idee von Kay Auster. Morgens nach dem Aufstehen wollte er noch die Vorlesung besuchen, die ihn so gelangweilt hätte. Seine Freundin fragte: "Und jetzt?" Er antwortete: "Mal schauen." Einen Plan hatte er nicht, aber eine Ahnung. Sein gelernter Job als Außenhandelskaufmann war es nicht. Er wollte über Fußball schreiben, Journalist werden. "Wie das geht, wusste ich nicht."
Er wählte den Einstieg über Praktika. "Ich habe viel gelernt, aber finanziell war das beinahe Selbstmord. Nach der Arbeit ging es ins Bett, das war am billigsten." 2000 war das, er war schon 29. Seine Freundin unterstützte ihn, nicht nur finanziell. Über die Praktika sammelte Auster die Routine, die er heute als Ein-Mann-Redaktion braucht. "Ich habe jede Geschichte geschrieben, egal wie viel ich dafür bekam." 11,57 Euro für ein Interview in einer Regionalzeitung war sein Minusrekord. "Das war mein erstes Level: viel Arbeit, wenig Geld." Er sammelte seine Veröffentlichungen, baute ein Netzwerk aus Journalisten und Sportlern auf, arbeitete an einem Internetauftritt. "Und Weihnachten habe ich Redaktionen auch mal gnadenlos eine Karte geschickt." Vom Schreiben gut leben konnte er noch nicht.

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