Die weltweite Finanzkrise gefährdet Jobs. Ein- und Aufsteiger fürchten daher um ihre Karriere. Der Ausnahmezustand bietet aber auch neue Chancen. Wir haben fünf aufstrebende Talente getroffen und mit ihnen über ihre Zukunftspläne gesprochen.
Am "Schwarzen Montag", dem 15. September 2008, passiert, womit niemand gerechnet hat: Lehman Brothers, die viertgrößte amerikanische Investment-Bank, ist pleite. Auf der Straße stehen erstmals auch: aufstrebende, junge Banker. Die Gesichter verstört, die Büroutensilien in Pappkartons verpackt auf den Armen, stolpern sie aus dem Wolkenkratzer 25 Bank Street, London - der Europa-Zentrale von Lehman Brothers. Die einen bleiben versteinert auf der Straße stehen, die anderen stürmen die Pubs der City. Das Entsetzen der Kollegen in London trifft auch junge Banker in Deutschland. Die Angst vor der Finanzkrise und dem eigenen beruflichen Aus geht um - und diese Angst ist begründet.Das verdeutlicht auch der Handelsblatt-Frax, ein monatlich erhobener Index, der die Entwicklung offener Stellen im Bereich Banking & Finance zeigt: Noch zwischen Juli und September war das Jobangebot relativ stabil, dann, im Oktober, ist die Kurve deutlich eingebrochen. Und es sind nicht allein die Banker, die bangen. Die Finanzkrise trifft die gesamte Wirtschaft. Wenn das Geld knapp wird, verschieben Unternehmen Projekte und legen Investitionen auf Eis. Zwar hat die drohende Konjunkturflaute noch nicht auf die Arbeitslosenzahlen durchgeschlagen. Experten warnen jedoch, dass sich das 2009 ändern könnte - der Arbeitsmarkt reagiert auf Markteinbrüche in der Regel zeitlich verzögert. "Wegen der Finanzkrise treten viele Firmen beim Recruiting derzeit immer stärker auf die Bremse oder stellen ihre Aktivitäten sogar ganz ein", sagt Jens Ohle, Vorstand beim Personaldienstleister Access. Er glaubt ebenfalls, dass die Jobchancen im nächsten Jahr deutlich sinken werden.Die Lage ist ernstAuch die Bundesregierung ist besorgt und hat ein Konjunkturpaket geschnürt, das die Auswirkungen der Finanzkrise auf die deutsche Wirtschaft drosseln soll. Die Lage ist ernst. Bedroht sind nicht nur Unternehmen aus dem Bank- und Finanzsektor, sondern aus allen Branchen: Automobil, Luftfahrt, Medien, Telekommunikation, Technologie, Chemie, Konsum. Viele von ihnen, auch stolze Dax-30-Konzerne, reagieren mit Einstellungsstopps und Sparprogrammen. Die Fluggesellschaft Lufthansa und Qimonda, die Tochter des Technologiekonzerns Infineon, waren Mitte 2008 die ersten, die Autohersteller Daimler und BMW sowie der Softwarehersteller SAP zogen jetzt nach. Die Schreckensnachrichten verunsichern besonders junge Ein- und Aufsteiger, die mitten in ihrer Karriereplanung stecken und noch nicht richtig Fuß gefasst haben: Der Student fürchtet um sein Praktikum, der Absolvent um seine Einstiegschancen, der Trainee um seine Festanstellung.Jens Ohle und sein Team bei Access spüren die wachsende Nervosität: Die Zahl der Bewerbungen ist in den vergangenen Wochen explodiert. "Sind es in normalen Zeiten fünf bis zehn Bewerbungen, die ein Absolvent schreibt, so sind es jetzt 20 bis 30. Erhält er nach 14 Tagen keine Rückmeldungen, werden es auch schon mal an die 100", sagt Ohle. Und obwohl sich gerade junge Bewerber bei der Jobsuche stark vom Image der Unternehmen leiten lassen, stehen mittlerweile nicht mehr nur die persönlichen Wunscharbeitgeber auf der Liste. Auch zunächst aussortierte Kandidaten werden angeschrieben. Einige überlegen sogar, erst mal an der Uni zu bleiben und das drohende Arbeitsmarkttief mit einem Master oder einer Promotion zu überbrücken.Handelsblatt Junge Karriere hat fünf aufstrebende Talente getroffen und mit ihnen über ihre Karrierewege und Zukunftspläne gesprochen. Mit dabei: fünf professionelle Coaches. Die Experten gaben den Talenten Ratschläge, wie sie in ihrer individuellen Situation reagieren sollten und worauf es jetzt ankommt: auf ein spezifisches Praktikum, eine Zusatzqualifikation, den Blick für ein breites Einsatzgebiet oder einfach nur eine Portion Selbstvertrauen. Und die Berater lassen keinen Zweifel daran, dass Nachwuchskräfte ihre ersten Karriereschritte trotz der Turbulenzen gehen können.Also, lassen Sie sich ja nicht aufhalten!Denn: Nach einem Umbruch folgt immer wieder auch ein Aufbruch. Das Beben im Finanz- und Wirtschaftssystem eröffnet Chancen, und das haben in den vergangenen Jahren bereits andere junge Talente, von denen Absolventen jetzt lernen können, bewiesen. Sie haben auf ihre innere Stimme gehört, das eigene Profil geschärft oder einen völlig neuen Weg eingeschlagen. Da ist zum Beispiel Philipp Fahr, der Radikale. Er warf nach Stationen in England und Frankreich seine Karrierepläne von der weiten Welt zugunsten der Provinz komplett über den Haufen. Oder Lars Hinrichs, der Erfahrene. Er überlebte Ende der 90er-Jahre das Platzen der Internetblase und die Insolvenz seiner ersten Firma.Er zog die Lehren und entwickelte ein neues, solides Geschäftsmodell: das Online-Netzwerk Xing. Oder Jörg Asmussen, der Krisengewinner. Er ist Staatssekretär im Finanzministerium und gestaltete im Oktober den Bankenrettungsplan mit. Und schließlich Andrea Lanz, die Weitsichtige. Die ehemalige Investment-Bankerin witterte schon früh, dass es zu einer Finanzkrise kommen wird und wagte den Schritt in eine ganz neue Berufswelt. Die heute 28-Jährige sitzt im Sommer 2007 in ihrem Büro im Londoner Bankenviertel Canary Wharf. Sie arbeitet in der Abteilung Fusionen & Übernahmen bei der Investment-Bank Lehman Brothers. Die Spezialistin für die Branchen Medien und Telekommunikation berät Private-Equity-Gesellschaften bei Firmenübernahmen. Ihre Klienten sind die von Franz Müntefering gebrandmarkten "Heuschrecken". Aber es läuft nicht mehr so recht. "Auf dem Kreditmarkt kriselte es. Die Banken blieben teilweise auf ihren Forderungen sitzen und vergaben weniger Kredite", sagt Lanz.
Meterhohe Aktenstapel, Fotos von den Kindern, Spielfiguren aus Plastik: Schreibtische sind nicht nur nüchterne Arbeitsfläche, sondern Spiegel der Seele und unserer Gesellschaft. Weil unsere Arbeitswelt im Umbruch ist, wird der eigene Schreibtisch aber zum Auslaufmodell. Die Zukunft gehört flexiblen Arbeitsplätzen.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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