Beatrice Rodenstock hat mit der Tradition des Familienbetriebs gebrochen. Statt den Brillenhersteller zu übernehmen, hat sie ein eigenes Unternehmen gegründet. In diesem berät sie Unternehmer, wie sie ihr Lebenswerk sichern können.
Beatrice Rodenstock schiebt keine Bugwelle vor sich her, noch nicht mal das Geklapper hochhackiger Schuhe kündigt sie an. Leise betritt die 37-Jährige den Raum. Ihr ungeschminktes Gesicht zeigt noch Spuren einer Erkältung, mit der sie sich bei ihrer kleinen Tochter angesteckt hat. Als Accessoires reichen ihr eine schlichte Uhr am Handgelenk und ein Brilli am linken Ohrläppchen.Was, das ist die Rodenstock? Die Erbin des deutschen Brillenimperiums, die eigentlich als mondäne Chefin à la Jette Joop die Geschicke der Traditionsfirma lenken könnte und wohl auch sollte?Was macht eine Frau wie sie bloß in diesem winzigen Büro in der Münchener Innenstadt, das sie sich noch dazu mit einer Kollegin teilt?Ihr Kabuff ist höchstens zehn Quadratmeter groß, eher dunkel und vollgestopft mit zwei Schreibtischen plus Besprechungstischchen, umgeben von Wackelstühlen, Marke Ikea.Gleich gegenüber, über den Flur sitzt Vater Randolf Rodenstock, Ex-Patriarch des Optikkonzerns und bis dato noch Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. "Praktisch" findet sie ihre gemeinsame Büroetage. Besonders dann, wenn sie, die Tochter, den eigenen Vater engagiert - als Fachmann für rückzugsreife Geschäftsinhaber.Denn die junge Frau ist zwar Chefin, doch nicht von Rodenstock. Anstatt Nachfolgerin zu sein, berät sie mit ihrer Firma Naviget Unternehmer, die sich in den Ruhestand verabschieden und ihr Lebenswerk übergeben wollen.Und da kennt Rodenstock sich aus. Sie weiß nur zu gut um die Stolpersteine, die einer erfolgreichen Übergabe im Weg stehen: Ganz egal, ob es um Patriarchen geht, die nicht loslassen können, oder um den Ausverkauf an Finanzinvestoren.Es ist nicht nur ihre persönliche Erfahrung, auch die einst klangvolle Marke Rodenstock hat gelitten. Das Traditionshaus mit noch rund 4 200 Mitarbeitern ist zum Spielball von Spekulanten geworden und kämpft seit Jahren ums Überleben. Nachdem Randolf Rodenstock seine Firma 2007 komplett an den Finanzinvestor Permira verkauft hatte, stieg Bridgepoint ein und verhob sich.In einer Notoperation soll nun ein dritter Finanzinvestor, Trilantic Capital Partners, die Schulden von rund 600 Millionen Euro schultern. Für Umsatzplus sollen zusätzliche Aufträge als Lizenzhersteller sorgen. Eine rosarote Brille hatte Beatrice Rodenstock zwar noch nie auf der Nase, doch ihr Vater, der lieber Lateinlehrer geworden wäre, vom Großvater aber in die Rolle des Unternehmers gezwungen wurde, wollte seiner Tochter die Wahl lassen. Wenigstens sie sollte ihren eigenen Weg finden und gehen dürfen.Die Bürde der FreiheitDoch jeder Mensch ist anders: Die Freiheit, selbst zu entscheiden, für die der Vater so sehr gekämpft hatte, machte die Tochter ratlos: "Ich habe kein herausragendes Talent, wusste nie klipp und klar, ich will Ärztin oder Juristin werden", sagt sie.So geht sie nach dem Abitur für ein praktisches Jahr zur Modefirma Cerruti nach Paris. Als ihr Vater zu Besuch kommt, eröffnet sie ihm, dass sie Soziologie studieren will. Die Gabel fällt ihm beinah aus der Hand und er schnappt nach Luft, denn er fürchtet: "Das ist doch nur ein Ausweichfach und ein Abschluss, mit dem man nichts Gescheites werden kann."
Deutschland ade: Unternehmen verlagern Produktion, Verwaltung und Forschung in alle Welt – weil Schwellenländer wettbewerbsfähiger werden und Manager durch Herkunft und Werdegang so weltoffene wie nüchterne Kalkulierer sind wie keine Generation vor ihnen.
Meterhohe Aktenstapel, Fotos von den Kindern, Spielfiguren aus Plastik: Schreibtische sind nicht nur nüchterne Arbeitsfläche, sondern Spiegel der Seele und unserer Gesellschaft. Weil unsere Arbeitswelt im Umbruch ist, wird der eigene Schreibtisch aber zum Auslaufmodell. Die Zukunft gehört flexiblen Arbeitsplätzen.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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