Jura

Erfolgreich ohne Prädikatsexamen

Julia Groth, Christoph Hus, Sarah Löhr
Unternehmerisches Denken musste sich auch Steueranwältin Veronica Pütz aus Wiesbaden erst aneignen. Ihre eigene Kanzlei läuft inzwischen nur deshalb gut, weil sie vor der Gründung zunächst drei Jahre lang als Angestellte arbeitete und währenddessen mehrere Dutzend Steuerfälle bearbeitete. Diese praktische Erfahrung ist die Voraussetzung für die Fachanwaltsprüfung, die sie später ablegte.Die Spezialisierung auf ein Rechtsgebiet mit entsprechendem Titel zahlt sich zumeist aus. Juristen ohne einen solchen Abschluss verdienen im Durchschnitt einen Stundensatz von 174 Euro. Fachanwälte hingegen berechnen Mandanten, laut Soldan-Institut durchschnittlich 194 Euro pro Stunde. Manche Rechtsgebiete sind besonders lukrativ, etwa Erb-, Insolvenz- und Verwaltungsrecht.Einfluss auf die Höhe der Honorare hat auch der Kanzleityp. Anwälte, die allein arbeiten, verdienen am wenigsten, durchschnittlich 166 Euro pro Stunde. Je größer die Kanzlei, desto höher auch die Honorare. In Sozietäten mit sechs bis zehn Anwälten beträgt der durchschnittliche Stundensatz schon 217 Euro. Auch der Sitz der Kanzlei schlägt sich in den Honoraren nieder: Je höher die Einwohnerzahl ist, desto höher fallen die Stundensätze aus.Der Verwaltungsaufwand ist oft enormFachanwältin Pütz hat den Schritt in die Selbstständigkeit nicht bereut. Nur der Verwaltungsaufwand stört sie zwei Jahre nach der Gründung immer noch: "Ich hatte völlig unterschätzt, wie viel Zeit man zum Beispiel für die Buchhaltung aufwenden muss." Diese Arbeiten macht Pütz selbst. Eine Sekretärin oder Buchhalterin will sie sich noch nicht leisten. "Aber ich bin zuversichtlich, dass ich im kommenden Jahr jemanden einstellen kann", sagt sie.Pütz ist in guter Gesellschaft: Viele junge, selbstständige Anwälte unterschätzen den Aufwand, den die Verwaltung ihrer Kanzlei mit sich bringt. Das ist die Erfahrung von Rechtsanwaltskammer-Chef Degen. Welcher Jurist hat schon im Studium geübt, eine Akte anzulegen? Oder erklärt bekommen, dass er Klageschriften elektronisch zum Gericht schicken kann? In welchem Jura-Seminar wird IT-Sicherheit gelehrt oder das Anlegen einer elektronischen Anwaltssignatur?"Im Bereich des Kanzleimanagements gibt es viele Defizite", urteilt Degen. Seit einigen Jahren enthält das Studium zwar drei Intensivtage zum Thema Kanzleimanagement. "Das reicht aber längst nicht aus", kritisiert Degen. Der Experte rät Kanzleigründern deshalb, einen berufsbegleitenden Studiengang zum Rechtsfachwirt zu belegen. Die juristischen Inhalte des Studiengangs sind für die Juristen nichts Neues. Dafür lernen sie hier aber Details über Kanzleimanagement und Buchhaltung - wichtiges Handwerkszeug für Selbstständige, die wie Veronica Pütz erst einmal kein Personal für diese Aufgaben einstellen wollen, um Kosten zu sparen.Fortbildungen kosten Zeit und GeldDie Fortbildung zum Rechtsfachwirt kann je nach Anbieter mehrere Tausend Euro kosten. So verlangt die Rechtsanwaltskammer Köln etwa 1500 Euro für ein Seminar. Und es hat nicht jeder Selbstständige Zeit, noch einmal zur Schule zu gehen - schließlich muss die Kanzlei ans Laufen gebracht werden.In diesem Fall rät Degen: Bücher kaufen - über Buchhaltung, Kanzleimanagement, Personalmanagement und IT. Außerdem gibt es gedruckte Ratgeber von den Rechtsanwaltskammern und vom Deutschen Anwaltverein. Und wer sich in der Anfangszeit trotzdem unsicher fühlt, für den hält Degen einen Trost bereit: "Die Juristenausbildung in Deutschland ist eine der besten der Welt", sagt er. "Aber unter drei Jahren Berufspraxis tut man sich immer schwer - egal in welchem Beruf."

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