Jura

Erfolgreich ohne Prädikatsexamen

Julia Groth, Christoph Hus, Sarah Löhr
Grafik: Offene StellenFoto: © Junge Karriere
Vor knapp vier Jahren nahmen Buelli und ihre Kollegen den Kanzleibetrieb in Form einer klassischen Sozietät auf. Starthilfe bekamen sie von einem Gründerberater, der einen Businessplan erstellte und ihnen damit half, einen Bankkredit zu bekommen. Ein Jahr später warf die Kanzlei bereits Gewinn ab. "Wir hatten nie Angst, die Miete nicht zahlen zu können", sagt Sabrina Buelli, die sich auf Familienrecht und Strafrecht spezialisiert hat.
Das Erfolgsrezept ist die SpezialisierungDer Erfolg rührt ihrer Ansicht nach daher, dass sie und ihre Kollegen eine Nische besetzen: Jeder von ihnen spricht eine Fremdsprache fließend, so dass sie ihre Dienste auch auf Italienisch, Spanisch, Russisch und Persisch anbieten können. Insbesondere für Rechtsberatung auf Persisch und Russisch gibt es in Köln eine große Nachfrage. "Das hat eingeschlagen wie eine Bombe", sagt Buelli. Heute zahlt sie sich vom Firmenkonto monatlich 2500 bis 3000 Euro Gehalt. "Als angestellte Anwältin zu arbeiten, kann ich mir nicht mehr vorstellen."Buellis Bilanz ist umso erstaunlicher, als dass es in der Wirtschaftskrise selbst für Prädikatsabsolventen schwieriger geworden ist, sich durchzusetzen; sie bieten ihre Dienste zum Teil ebenfalls in eigenen Kanzleien an. Gab es im vergangenen Jahr noch gut 1800 offene Stellen für Juristen, sind es in diesem Jahr nur noch rund 1430 (siehe Grafik). Beispiel Großkanzleien: "In den vergangenen Monaten ist das Geschäft mit Unternehmensverkäufen und Finanzierungen eingebrochen", sagt Matthias Grey, Partner der Personalberatung PSPP in Königstein. "Die Kanzleien haben deshalb einen deutlich geringeren Personalbedarf als in den Jahren zuvor." Das Gleiche gelte für die juristischen Abteilungen von Unternehmen. Allenfalls mittelständische Anwaltskanzleien suchten noch im großen Stil neue Mitarbeiter. "Viele Arbeitgeber warten erst einmal ab, wie sich das Geschäft entwickelt", sagt der Personalberater. "Vorher stellen sie kaum ein."Großkanzleien sind der WunscharbeitsgeberDas gilt auch für die beliebtesten Arbeitgeber von Juristen. Auf Platz eins rangiert das Auswärtige Amt. Danach folgen gleich mehrere Großkanzleien: Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller, Gleiss Lutz, Clifford Chance und CMS Hasche Sigle. Fast genauso beliebt sind die Deutsche Lufthansa und McKinsey, ein Dax-Konzern und ein Beratungsunternehmen also. Dass so viele Großkanzleien zu den beliebtesten Arbeitgebern zählen, ist kein Wunder. Schließlich gilt dieser Karriereweg für die größte Gruppe der Juristen als äußerst erstrebenswert: Knapp 39 Prozent der Absolventen wollen ihre Laufbahn bei einer Großkanzlei beginnen, hat das Marktforschungsinstitut Trendence herausgefunden.Wer trotz der Krise einen Job bei einem seiner Wunscharbeitgeber ergattern will, muss bitteschön einen brillanten Abschluss vorweisen. So sucht beispielsweise Daniela Favoccia, Partnerin der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller, junge Juristen, "die besondere Ansprüche an sich selbst stellen". Und erklärt: "Das wird sich in aller Regel in Prädikatsexamen niedergeschlagen haben." Auch Promotionen oder ein Studium im englischsprachigen Ausland sind bei der Top-Kanzlei gern gesehen, die rund 250 Mitarbeiter an Standorten wie Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, München, Brüssel und London beschäftigt.Wer es zu Hengeler Mueller geschafft hat, darf mit einem schnellen Aufstieg rechnen. "Eineinhalb Jahre nach dem Einstieg wird über die Aufnahme des Namens in den Briefkopf entschieden", sagt Favoccia. "Nach drei Jahren steht die Ernennung zum Senior Associate an." Außerdem können sich schon Kanzleineulinge über ein Gehalt von 100000 Euro im Jahr freuen - eine Summe, die weit über den 65400 Euro liegt, die mittelgroße Kanzleien Berufseinsteigern durchschnittlich zahlen.

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