Judith-Maria Gillies

"Ein Jahrzehnt to go"

Katja Stricker
Terroranschläge und Krisen haben uns in den letzten zehn Jahren ebenso geprägt wie das Internet und die Latte-Macchiato-Kultur. Die Kölner Wirtschaftsjournalistin Judith-Maria Gillies hat nun ein Buch geschrieben und erklärt uns "Unsere Nullerjahre".
Autorin Judith-Maria GilliesFoto: © Marcus Gloger/PR
Frau Gillies, die erste Dekade des neuen Jahrtausends liegt fast hinter uns. Wie haben uns die Nullerjahre verändert? 
Sie haben uns in Atem gehalten, und zwar von Anfang bis Ende. Zuerst die weltumspannenden Freudenfeste zum Millennium, dann die Terroranschläge am 11. September. Die New Economy und die Spaßgesellschaft brachen zusammen. Und als wir uns gerade wieder aufrappelten, stürzte uns die Finanzkrise ins nächste Tief. Das waren so viele bewegende Ereignisse, dass es anscheinend niemanden mehr auf den Stühlen hielt. Um uns herum schien eine Art Dauerhektik ausgebrochen zu sein. Wir alle waren ständig und überall auf dem Sprung. Mit Umhängetasche, iPod und Coffee to go hetzten wir von Termin zu Termin. Die Nullerjahre waren ein echtes Jahrzehnt to go.
Inwieweit tickt die Nullergeneration anders als zum Beispiel die Nachwendekinder? Oder die 80er-Generation? 
Sie hat gelernt, dass ein Bundeskanzler nicht unbedingt Helmut Kohl heißen muss. Und dass das Leben nicht nur aus steigenden Aktienkursen und blühenden Landschaften besteht. Außerdem brauchte sich kein Nuller mehr beim Bungeejumping einen Kick zu holen. Denn in der Welt um ihn herum passierte schon genug. Da zog er sich doch lieber zum Chillen in die Lounge-Bar zurück - oder zu Facebook ins Web 2.0.
Und wie sieht der Tag eines typischen Vertreters der Nullerjahre aus?
Der typische Nuller startet den Tag mit Coffee to go, checkt auf dem Weg ins Büro seine Mails auf dem Blackberry und trinkt später zum Wellness-Menü in der Kantine Bionade. Die typische Nullerin kutschiert nachmittags die Kinder zum Logopäden oder Ergotherapeuten, bevor sie selber zur Hotstone-Massage fährt. Abends laden die beiden Freunde zum Kochen ein, während im Hintergrund "Deutschland sucht den Superstar" läuft. Das klingt etwas gruselig. Aber ein bisschen Nuller steckt ja in uns allen.
Da ist von Krisen aber wenig die Rede ... 
Sie haben uns auf Schritt und Tritt begleitet. Selbstmordattentate, Hartz IV, Klimaerwärmung: In den Nullern wurden wir mit schlechten Nachrichten plötzlich nicht nur abends in der Tagesschau konfrontiert, sondern schon morgens beim Radio hören auf unserem iPod oder den Tag über per RSS Feeds auf unserem Laptop. Der 11. September hat unsere Weltordnung aus den Fugen gehoben und damit auch unser eigenes Leben. Fortan strebten wir wohl unbewusst danach, irgendwie eine innere Balance wiederzuerlangen. Deshalb auch diese ganze Wellness-Welle mit Yoga, Pilates und Tai-Chi.
Sehen Sie sich mit Ihrem Buch in der Tradition von Florian Illies Bestseller "Generation Golf"?
In "Unsere Nullerjahre" blicke ich ebenfalls zurück, das stimmt, aber nicht nur durch die Brille einer bestimmten Generation. Mir geht es mehr darum, die Macken unseres Alltags irgendwo zwischen Alcopops und Anti-Aging aufzuspießen. Da findet sich sicherlich die Generation Intimrasur genauso wieder wie die Generation Gehirnjogging. Wir alle haben eben in den Nullern ganz neue Seiten an uns entdeckt. Die Generation Golf auch. Die ist im letzten Jahrzehnt ganz unbemerkt zur Generation Familienvan mutiert.

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