Porträt

Echter Hingucker

Jeanette Villachica
Saliya Kahawattes Leben war viele Jahre lang eine große Lüge. Er verheimlichte, dass er fast blind ist. Irgendwann ging gar nichts mehr - zum Glück. Denn heute ist Kahawatte ein erfolgreicher Unternehmer, Coach und Trainer - und lebt viel entspannter.
Saliya Kahawatte ist blind, seit er 15 istFoto: © Gregor Schläger
Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das ist für Saliya Kahawatte bis heute nicht selbstverständlich. Er weiß, dass nur wenige Menschen mit einem Behinderungsgrad wie dem seinen so autonom leben können wie er. Das macht ihn traurig und stolz zugleich. "Zu viele behinderte Menschen verschwenden ihr Leben mit Tütenkleben. Dabei haben sie ihre anderen Sinne oft so gut trainiert, dass sie ihre Behinderung kompensieren."
Wer in Saliya Kahawattes Gesicht schaut, seinen festen Blick, seine positive Ausstrahlung spürt und seinen kräftigen Gang erlebt, glaubt nicht, dass der 39-Jährige nur noch fünf Prozent seines Sehvermögens hat. Er fixiert sein Gegenüber und bewegt sich in vertrauter Umgebung so, als ob er alles sehen könne. "Wasser oder Bionade", fragt er seinen Gast und schenkt ein ohne zu verschütten. Es ist das Ergebnis jahrelangen Trainings.Saliya Kahawatte ist ein erfolgreicher Unternehmer, er arbeitet als Unternehmensberater, Coach, Trainer und Autor. Gerade ist seine Autobiographie "Mein Blind Date mit dem Leben" erschienen. Seine Firma Minus Visus liegt in einer bürgerlichen Gegend im Hamburger Westen. Seine Angebotspalette ist breit. Mit seinen fünf Mitarbeitern konzipiert er Wein- und Käseseminare für den Lebensmittelhandel und hält diese auch selbst; er coacht "Damen, die abnehmen möchten" und unterrichtet junge Hartz-IV-Empfänger in Berufs- und Lebensplanung.Ein Blinder als Berater? Sabine Bernecker-Bendixen, stellvertretende Schulungsleiterin vom Verein zur Förderung des Einzelhandels mit Nahrungs- und Genussmitteln in Hamburg, erzählt, wie verblüfft die Kursteilnehmer oft sind, wenn "der neue Lehrer" am ersten Tag fröhlich den Raum betritt und ihnen, noch bevor er sie nach ihren Namen fragt, seine Lebensgeschichte erzählt. "Wenn er sagt, dass er fast blind ist, glauben sie ihm erst einmal nicht."Saliya Kahawatte begegnet seinen Kursteilnehmern auf AugenhöheBesonders gut an Kahawatte als Trainer findet sie, dass er den Kursteilnehmern auf gleicher Augenhöhe begegnet. "Er ist dunkelhäutig, hat einen Migrationshintergrund, war auch mal auf Hartz IV. Er kann nachempfinden, wie schwer ihre Situation ist, zeigt ihnen aber auch, dass jeder etwas erreichen kann, wenn er sich genügend Mühe gibt."Kahawatte ist der Sohn einer Deutschen und eines Singhalesen und sein Lebenslauf ist kaum zu glauben. Als er sich vor drei Jahren selbständig machte, hatte er sich zuvor 14 Jahre lang in Fünf-Sterne-Hotels vom Azubi zum Operations Manager hochgearbeitet. Damals wusste im beruflichen Umfeld kaum jemand, dass er fast blind war. Auch wenn er noch etwas mehr sehen konnte als heute - ohne permanentes Tricksen und Lügen, eiserne Disziplin und die Hilfe einiger weniger Eingeweihter hätte er den Alltag nie bewältigt, den Aufstieg nie geschafft.Warum er nicht offen mit seiner Behinderung umging? "Immer wenn ich das getan habe, hieß es: ‚Das kannst du nicht. Sei realistisch, hör auf zu träumen!' Wenn ich meinen Augenfehler nicht verheimlicht hätte, hätte ich niemals die Chancen bekommen, die ich so hatte", erklärt er, und noch Jahre später hat er Wut und leises Bedauern in der Stimme.Heute würde er vieles nicht mehr so machen, in die Gastronomie gehen zum Beispiel. "Das ganze Lügenspiel würde ich so nicht mehr durchziehen, aber das sagt sich jetzt leicht. Damals wollte ich ein ganz normales Leben und Menschen mit meinem Behinderungsprofil haben kaum Zugang zum ersten Arbeitsmarkt."

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