Interview Rudolf Wötzel

"Die Wildnis lehrt Demut"

Til Knipper
Braucht man dafür einen Insead-MBA?
Nein, aber der war halt die Eintrittskarte für mein früheres Leben. Das war aber ohnehin eher so ein Absitzen. Ein Jahr Cricket spielen hätte genauso viel gebracht.
In den Bergen haben Sie eine multiple Persönlichkeit entwickelt. Es gibt das zynische alte Banker-Ego, den Pilgerer, den Gipfelstürmer. Haben Sie die inzwischen unter Kontrolle? 
Man muss sich nicht auf einen festlegen. Das Unterdrücken der anderen frisst nur Energie. Das Portfolio der Charaktere spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Tätigkeiten wider, die ich jetzt habe. Bücher schreiben ist eine rein intellektuelle Beschäftigung. Die Berghütte bedeutet managen und Gastgeber sein. Die Seminare und das Coaching erfordern zwischenmenschliches Feingefühl.
Sie haben ein halbes Jahr gebraucht, um Abstand zu gewinnen. Wie vermitteln Sie das in einem Wochenendseminar?
Ich gehe da mit umgekehrten Vorzeichen ran. Ich sage nicht, warum ich ausgestiegen bin, sondern welche Warnsignale ich überhört habe.
Glauben Sie, Sie müssen aus Ihrem neuen Leben auch irgendwann noch mal aussteigen?
Nein. Ich habe auch nicht den Ehrgeiz, einen Achttausender zu besteigen. Ab 4500 Metern geht der Genuss gegen null. Ich könnte mir eher vorstellen, den Naturraum Europa weiter auszuloten. Per Kanu auf einem Fluss von Quelle bis Mündung zu fahren. Das könnte mich reizen.
Zur Person
Der gebürtige Münchener studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Betriebswirtschaft. Nach fünf Jahren als M&A-Berater bei Booz Allen Hamilton und einem MBA am Insead wechselte Wötzel 1995 ins Investmentbanking. Nach Stationen bei UBS und Deutsche Bank leitete er ab 2005 das M&A-Geschäft von Lehman Brothers im deutschsprachigen Raum. Nach wiederholt auftretenden Burnout-Syndromen kündigte Wötzel 2007 und wanderte ein halbes Jahr durch die Alpen von Salzburg nach Nizza. Auf 120 Etappen erklomm er unter anderen das Matterhorn und den Mont Blanc. Die Erfahrungen seiner Reise hat der 46-Jährige in dem Buch "Über die Berge zu mir selbst" verarbeitet. Rudolf Wötzel lebt seit seiner Rückkehr in der Schweiz in der Nähe von Klosters. Er schreibt momentan an seinem zweiten Buch und hält Seminare und Vorträge für Manager. Nächsten Sommer übernimmt er als Hüttenwirt zusätzlich die Gemsli-Hütte in Graubünden.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.10.2009

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