Interview Rudolf Wötzel

"Die Wildnis lehrt Demut"

Til Knipper
Wandern war Rudolf Wötzels AusstiegFoto: © PR
Sie kritisieren Ihre ehemalige Branche hart. Empfinden Sie es im Nachhinein als Scheitern, ins Investmentbanking gegangen zu sein?
Der Witz ist, dass ich oft mit dem System gehadert habe, so lange ich drin war. Jetzt sehe ich die Zeit eher positiv, weil ich viel gelernt habe: Disziplin, Strukturiertheit, Prozessmanagement. Das kann ich weiter nutzen. Als Scheitern hätte ich es empfunden, wenn ich nicht selbst den Ausstieg geschafft hätte, sondern rausgeschmissen worden wäre.
Als Banker haben Sie in Recruitingevents an Unis den Nachwuchs geworben. Sollen die Absolventen heute lieber Bergführer werden?
Nein. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Abschnitten, in denen verschiedene Dinge im Vordergrund stehen. Zum Einstieg kann ich solche Highflyer-Segmente weiterhin empfehlen, weil man in einer unheimlich kurzen Zeit so viel lernt, wie andere in ihrem ganzen Berufsleben nicht. Wer das Bewusstsein schärfen will, um herauszufinden, was er wirklich will, muss vorher die Extreme ausloten. Das ist besser, als sich immer nur im Mittelmaß zu bewegen.
Sie empfehlen Ihren Lesern Gelassenheit. Das sagt sich natürlich sehr einfach, wenn man vorher über Jahre sehr gut verdient hat.
Das Paradoxe ist, dass selbst im Karrierekontext Gelassenheit hilft, unabhängiger zu sein und kritischer zu denken. Die Überangepassten stoßen irgendwann an eine gläserne Decke und kommen nicht weiter. Das habe ich selbst gemerkt. Sobald ich anfing mich innerlich zu lösen, bin ich viel souveräner geworden, und die Anerkennung beim Kunden, aber auch intern ist gewachsen.
Aber das Geld hilft schon?
Viele schaffen den Ausstieg trotzdem nicht. Ich habe natürlich Berechnungen angestellt, als ich aufgehört habe. Aber ein halbes Jahr später konnte man die alle in die Tonne treten. Meine Altersvorsorge in Form von Lehman-Aktien war nichts mehr wert. Mit dem Buch, Seminaren und der Berghütte, die ich im kommenden Jahr übernehme, verdiene ich weiter Geld. Wenn man den Wert der Freiheit schätzen gelernt hat, bezahlt man gerne mit etwas Konsumverzicht.
Propagieren Sie deswegen auch eine Form des Insourcing? Wäsche zu waschen scheint Ihnen auf Ihrer Reise große Freude bereitet zu haben. 
Ich koche inzwischen auch gerne. Das widerspricht natürlich der Effizienztheorie. Als Banker musste ich für ein Glas Marmelade zehn Sekunden arbeiten. Wenn ich heute die Früchte ernte und einkoche, dauert das mindestens eine Stunde. Ich gehe mittlerweile bewusst in die Ineffizienz, weil ich so beträchtlich an Lebensqualität gewinne.
Vermissen Sie das alte Leben nie? 
Die großen Deals haben Spaß gemacht. Aber auch wenn du als Investmentbanker an riesigen Rädern mitdrehst, ist der persönliche Einfluss recht gering. Jetzt habe ich mir hinreichend kleine Räder gesucht, wo ich den Dingen meinen Stempel aufdrücken kann.
Bei Bankern spielen Statussymbole eine große Rolle: Autos, Handys, Top-Hotels. Auf Ihrer Tour haben Sie das Gegenprogramm gefahren. Wie halten Sie es seitdem mit dem Luxus? 
Zwischen Statussymbolen und totaler Askese gibt es einen Mittelweg. Als Karrieremensch läuft man Gefahr, mit diesen Insignien des Wohlstands zu kompensieren, dass man so hart arbeitet. Wenn man das mit einer Bilanz vergleicht, habe ich auf der Aktivseite diese ganzen Ikonen des Wohlstands, auf der Passivseite die hohe Arbeitsbelastung, Defizite bei Gesundheit und privaten Beziehungen. Ich habe beides rausgekürzt, und so geht die Bilanz am Ende trotzdem auf. Ich brauche keinen Zweitwohnsitz oder drei Autos. Eins reicht, so lange ich damit die Bergpässe hochheizen kann.
Sind Sie ein Suchtcharakter, der den Kick beim Dealmaking durchs Bergsteigen ersetzt hat?
Diese Sucht des höher, schneller, weiter war bei mir sehr ausgeprägt in meiner Zeit als Banker. Das waren typische Zeichen ähnlich einer Drogensucht: die zeitliche Taktung, die Dosis, das muss ständig erhöht werden, um den gleichen Kick zu bekommen. Das sieht man auch bei den Boni. Bekommt man zum ersten Mal 50000 Euro, freut man sich. Später findet man alles unter einer halben Million lausig. Jetzt denke ich eher in den Kategorien nachhaltig und gründlich. Ich habe nicht das Bedürfnis, demnächst sechs Berghütten zu führen, sondern die eine richtig.

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