Elternzeit

"Die Väter robben sich langsam heran"

Zeit.de/Tina Groll
Das klingt ja danach, als würden die neuen Väter die Arbeitswelt verändern. Aber gleichzeitig stellen Sie fest, dass der Großteil nur zwei Monate unterbricht und danach alles wie gehabt ist.
Zwei Drittel der Väter nimmt nur zwei Monate Elternzeit, trotzdem sind die Muster differenziert. Man muss schauen, wann die Väter die Auszeit nehmen, ob sie Teilzeitangebote nutzen und wie die Elternzeit an die Erwerbstätigkeit der Partnerin gekoppelt ist. Aber es stimmt: Der große Teil der Väter robbt sich langsam heran. Sie fürchten, dass der temporäre Ausstieg aus dem Job Nachteile für ihren beruflichen Status haben könnte. In der Realität erweisen sich die Befürchtungen dann jedoch oft als weniger schlimm. Viele Vorgesetzte reagieren sogar positiv auf den Wunsch ihrer Mitarbeiter, wobei man betonen muss, dass der gesetzliche Individualanspruch, den die Väter nun haben, ihre Verhandlungsposition im Betrieb auch deutlich stärkt.
Welche Erfahrung machen Führungskräfte, die selbst Väterzeit nehmen wollen?
Für sie ist es nicht schwieriger, obwohl man das vielleicht erwarten könnte. Ihnen kommt zugute, dass sie selbst gestalten können. Viele von ihnen kombinieren Elterngeldzeit mit Teilzeitmodellen oder sie nehmen eine sehr kurze Auszeit. Diese Männer sind wichtige Vorbilder, weil sie zeigen: Es ist nicht unmöglich, Führungsposition und Familie zu vereinbaren. Die Führungskräfte betonen, dass vieles mit einer guten Personalführung und Personalplanung zusammenhängt. Darum ist es auch wichtig, dass die Elternzeit sehr früh angesprochen und gut geplant wird. Die meisten Männer planen ihre Väterzeit sogar ein Jahr im Voraus. Darauf können sich die Unternehmen einstellen und so lässt sich auch der Wiedereinstieg gut planen.
Wie leicht gelingt den Vätern dieser Wiedereinstieg?
Das ist abhängig davon, wie viel Kontakt sie mit ihrem Unternehmen während der Elternzeit hatten. 86 Prozent der Väter haben angegeben, dass sie keine beruflichen Nachteile durch die Elternzeit erlitten haben. Was jedoch stimmt, ist, dass ihr beruflicher Aufstieg während der Auszeit stagniert – hinterher können jedoch die allermeisten rasch wieder anknüpfen und manche machen danach wichtige Karrieresprünge, gerade weil sie in der Elternzeit wichtige soft skills erworben haben.
Was ist Ihr Fazit: Werden wir in Kürze den Aufbruch der neuen Väter erleben oder bleibt es beim zweimonatigen Babyurlaub, den einige wenige, aber längst nicht alle nehmen?
Ich bin optimistisch, dass die Zahl der Väter in Elternzeit steigen wird und dass auch die Dauer der Auszeit länger wird. Aber die Männer sind vorsichtig. Viele beobachten erst einmal, nehmen beim ersten Kind acht Wochen und beim nächsten Kind dann vielleicht drei oder vier Monate. Dass wir bald erleben werden, dass 100 Prozent der Väter den Job unterbrechen, glaube ich aber nicht. Die traditionellen Rollenmuster sind dann doch noch zu stark und auch der wirtschaftliche Aspekt spielt hier eine wichtige Rolle: Männer verdienen in Deutschland immer noch rund 23 Prozent mehr als Frauen. Solange sich dies nicht ändert, werden wir auch nicht erleben, dass sich mit einem Sprung bei der Care-Arbeit alles verändert. Aber wir werden zukünftig einen leichten, allmählichen Anstieg des Engagements von Vätern wahrnehmen. Den Großteil der Kinderbetreuung werden wohl auch in der nächsten Zeit weiterhin die Frauen stemmen müssen.
Svenja Pfahl ist Diplom-Soziologin und Mitbegründerin des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra) in Berlin. Die Fragen stellte Tina Groll.(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)
Dieser Artikel ist erschienen am 02.12.2009

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