Interview

"Die Rolle als Hausmann war mir zu wenig"

Tina Groll / Zeit.de
Es klingt, als hätten Sie das nicht als Entlastung empfunden?
Nein, der Verlust meiner Arbeit war sehr hart für mich. Auch wenn ich jetzt Zeit für meine Kinder hatte und durch die Rente auch unsere finanzielle Situation gesichert war. Doch die Rolle als Hausmann und Vater war mir zu wenig. Es tritt, wenn man nicht mehr berufstätig ist, ja auch eine Isolation ein. In meinem Beruf bin ich häufig zu Besprechungen in das Ministerium gefahren, das fiel jetzt alles weg. Ich habe dann sehr schnell begonnen, mich politisch zu engagieren, und habe im Alleinerziehenden-Verband mitgewirkt. Dort wurde ich bald zum Vorsitzenden des Ortsvereins, später zum stellvertretenden Vorsitzenden im Landesverband gewählt. Und so habe ich die Familienpolitik für mich entdeckt. Ich mischte mich in die Stadtpolitik ein und habe mir über das Engagement Schritt für Schritt ein ähnliches Tätigkeitsprofil geschaffen wie in meinem Beruf. Und das Beste war: Ich konnte diese Arbeit flexibel mit der Erziehung meiner vier Töchter verbinden. Ich bin später auch Vorsitzender der Familienverbände der Stadt Freiburg geworden.
Sie sind aber nie wieder in den Beruf zurückgekehrt?
Nein, ich war irgendwann viel zu lange raus. Da wollte mich niemand mehr einstellen, an eine Rückkehr in den Beruf war also nicht zu denken. Im Grunde habe ich das erlebt, was sonst die Frauen erleben. Ich hatte es in den Verbänden auch überwiegend mit Frauen zu tun.
Profitieren Ihre Töchter heute davon, dass sie diesen Rollentausch an ihrem Vater erlebt haben?
Meine Töchter haben alle studiert, zwei sind schon selbst Mutter – aber sie leben nicht völlig andere als die gesellschaftlich verbreiteten Rollenaufteilungen, nur weil es in Ihrer Kindheit nur einen Vater zu Hause gab. Meine Schwiegersöhne haben zwar die zwei Monate Elternzeit genommen, und kümmern sich dadurch um ihr Kind auch später noch, soweit der Beruf es erlaubt, aber es sind doch meine Töchter, die für die Erziehung ihrer Kinder überwiegend zuständig sind und die Karriere etwas zurückstellen, während die Schwiegersöhne den größeren Teil des Familieneinkommens durch weitgehend ununterbrochene Vollzeiterwerbstätigkeit beisteuern.
Ich habe auch den Eindruck, dass die meisten jungen Väter durch die Elternzeit so gut es geht hindurchkommen. Der Stil, mit den Aufgaben in der Betreuung der Kinder umzugehen, ist ein anderer. Es ist eine Aufgabe, eine Herausforderung, aber keine neue Rolle. Immerhin gibt es jetzt diese zwei Monate, das ist ein Anfang. Es darf aber allein nicht dabei bleiben. Ich sehe das eher realistisch: Nach meiner Beobachtung ist die klassische Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft sehr fest verankert. Es dauert lange, bis man gesellschaftliche Veränderungen erwirkt hat. Und ich muss ehrlicherweise auch sagen: Wenn ich noch einmal Familie gründen würde und mir würde dieser Schicksalsschlag nicht noch einmal passieren, ich würde und müsste mich wohl auch für die klassische Männerrolle entscheiden. Auch wenn das heißt, auf viele schöne, intensive Stunden mit seinen Kindern zu verzichten.Was würden Sie jungen Männern raten, die gerne den Rollenwechsel ausprobieren möchten?
Es zu wagen. Und nicht alleine sondern gemeinsam mit anderen dafür kämpfen. Noch immer dominiert auch von der Gesellschaft die Erwartung an die jungen Männer, dass sie die Ernährer der Familie sein müssen. Wer es andersrum probiert, hat es schwer. Gerade dort, wo Arbeitsplätze hart umkämpft und die Konkurrenz groß ist, kann man sich Familienarbeit, manchmal sogar Familie gar nicht leisten. Dabei wäre eine Gesellschaft, in der die Arbeit zwischen den Geschlechtern gleicher verteilt wäre, sicher eine schönere. Ich hoffe, dass die nachfolgenden Generationen über eine Umstrukturierung der Arbeitsgesellschaft und einen besseren Ausgleich mit der Familienwelt nachdenken. Doch dafür müssen wir noch viel kämpfen – politisch und ganz individuell.
Zur Person
Manfred Schreiber war leitender Beamter in der Baubehörde in einer Stadt in Baden-Württemberg. 1981 verlor er im Alter von 37 Jahren seine Frau und war plötzlich mit vier Kindern alleinerziehend. Viele Jahre lang versuchte er, Beruf und Kindererziehung miteinander zu vereinbaren. Später engagierte sich in der Familienpolitik. Er berät alleinerziehende Mütter und Väter. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann sich hier bei ihm melden: ManfredSchreiber@t-online.de
(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)Lesen Sie weitere Artikel zum Thema "Familie und Beruf":Zeit für die Familie hat Prorität"Die Väter robben sich langsam heran"
Dieser Artikel ist erschienen am 05.02.2010

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