Deutschland

Die Regionen der Zukunft

S. Hergert, C. Sonnet, M. Detering
Marco Traulsen pendelt jeden Tag 100 KilometerFoto: © Bert Bostelmann
Wiesthal - Zwischen Grün und Großstadt
Marco Traulsen zog für seinen Job über 650 Kilometer quer durch Deutschland. Der 27-Jährige ist in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein aufgewachsen und hat in Flensburg studiert, immer das Meer vor der Tür. Heute arbeitet Traulsen in einem Tal im Spessart. Wenn er aus dem Bürofenster schaut, sieht er Bäume, nichts als Bäume. Neben dem Firmenparkplatz grast eine Herde Schafe, dahinter erhebt sich bereits der bewaldete Berghang.Traulsen ist Personalreferent beim Messtechnikhersteller Wenzel am Rande des 1400-Seelen-Dorfs Wiesthal. "In Schleswig-Holstein habe ich bereits alles gesehen. Ich wollte ausprobieren, ob ich auch zurechtkomme, wenn ich auf mich ganz allein gestellt bin", sagt er. So ganz wollte er sich auf die nordbayerische Provinz dann aber doch nicht einlassen. Er wohnt lieber in Würzburg und pendelt morgens und abends 50 Kilometer. "Ich brauche einfach das Gefühl, dass ich sofort in ein Kino oder unter Leute gehen könnte, wenn ich denn möchte", sagt der Betriebswirt.Der Landkreis Main-Spessart ist einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen in Deutschland. Hier gibt es nicht nur Wald und Weinberge, sondern auch viele High-Tech-Unternehmen. Der Landkreis liegt zentral zwischen Frankfurt und Würzburg. Im Schatten der beiden Großstädte gehen deshalb auch Akademiker auf Jobsuche, die nach dem Trubel in einer Universitätsstadt nicht sofort auf das Land ziehen wollen. Diesen Schritt wagen viele erst nach einigen Jahren. "Faktoren wie der Wald, die gute Luft, die geringe Kriminalität, Kinderfreundlichkeit und die ländliche Idylle werden dann wichtig, wenn Kinder im Anmarsch sind", sagt Oliver Freitag von der Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt.Viele junge Mitarbeiter von Wenzel pendeln. "Die reisen täglich aus Würzburg, Aschaffenburg oder Frankfurt an oder sind Wochenend-Heimfahrer", sagt Geschäftsführerin Heike Wenzel-Däfler. Auch Marco Traulsen zog es vor allem wegen des Jobs in die Region. Der 27-Jährige machte am Ende des Studiums ein Praktikum in München. Einer seiner dortigen Kollegen wechselte zu Wenzel, so stieß er auf das kleine Unternehmen. Als Personalreferent hält Traulsen Kontakt zu Universitäten, er sichtet Bewerbungsunterlagen und führt Einstellungsgespräche. "Da wir nur eine kleine Personalabteilung sind, kriege ich die ganze Bandbreite an Personalaufgaben mit", sagt Traulsen. Die Arbeit bei einem Mittelständler sei abwechslungsreicher als bei einem Konzern. Dafür nimmt er die lange Anfahrt in Kauf.Die Region steht trotz der Wirtschaftskrise gut da. Während die Arbeitslosenquote bundesweit zuletzt bei rund acht Prozent lag, betrug sie im Kreis Main-Spessart 3,5 Prozent. Größter Arbeitgeber ist der Hydraulikhersteller Bosch-Rexroth in Lohr. Dort arbeiten rund 6000 Mitarbeiter. Im Dunstkreis des Global Players siedelten sich viele andere Unternehmen der Branche an.Schicker WohlstandSelbst die größten Städte im Landkreis sind beschaulich: Lohr, Karlstadt und Marktheidenfeld haben 11000 bis 16000 Einwohner. In der Marktheidenfelder Altstadt stehen jahrhundertealte Fachwerkhäuser, schmale Gassen führen hinunter zum Main, alles ist fein herausgeputzt. In dem Ort tummeln sich aber nicht nur erholungssuchende Touristen. Am Abend zieht es noch einige junge Leute in die Kneipen und Cafés. Am Mainufer plaudern Paare auf der Terrasse eines schicken Cafés, das mit seiner dezentblauen Beleuchtung und mediterranen Einrichtung auch in München oder Zürich einen guten Eindruck hinterlassen würde. An den Ausfallstraßen der Stadt stehen neue, gläserne Autohäuser, die eigentlich viel zu groß sind für den kleinen Ort. Der Eindruck ist eindeutig: Hier herrscht Wohlstand.Das Geld verdient wird etwa auf dem Dillberg, einem Gewerbegebiet am Ortsrand. Dort sitzt der Automatisierungshersteller Elau, der Steuerungen und Antriebe für Produktions- und Verpackungsmaschinen herstellt. Elau ist wenig bekannt, nur wenige Hochschulabsolventen stoßen so einfach auf das Unternehmen. Eine eigene Universität gibt es im Landkreis nicht. "Die meisten jungen Ingenieure rennen zu den Großkonzernen. Die wissen gar nicht, welche spannenden Aufgaben es auch bei anderen Unternehmen gibt", sagt Klaus Weyer, der Leiter des Strategischen Marketings.

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